
12.07.2003
Vortrag: Islam und Andalusien
Vortrag am 26. Juni 2003 in der Böll Stiftung Berlin
Ich freue mich sehr über die Einladung hier über die möglichen Vorbilder des Islam in Europa sprechen zu dürfen, gerade auch als europäischer Muslim. Hin und wieder führt der Umstand, dass man ein originärer, europäischer und praktizierender Muslim ist ja sogar eher zum Ausschluss aus der Debatte. So kommt es gelegentlich schon einmal vor, dass man als europäischer Muslim ausgeladen wird, da man ganz offen lieber „ausländische“ Muslime in die Debatte einführt. Gelegentlich beginnt eine solche Ausladung mit dem überraschten Ausspruch des Organisators „ach, Sie sind Deutscher?“. Nun gibt die Zahl von etwa 80000 deutschen Muslimen nicht die Grundlage für die Überschätzung der eigenen Rolle, ich halte diesen Umstand aber dennoch für „denkwürdig“ und einen Hinweis auf die Situation der Muslime in Europa.
Ich würde meinen heutigen Vortrag gerne in der folgenden Fragestruktur einordnen, nämlich in die einfache Grundfrage Was ist der Islam? Und in die besondere Fragen: Ist der Islam eine fremde Kultur? Und natürlich auch: Ist der Islam eine europäische Religion oder gar eine Ausländerreligion? Für alle diese Fragen hat die Beschäftigung mit dem geschichtlichen Phänomen al-Andalus eine nicht unerhebliche Bedeutung. Im Ergebnis möchte ich gerne einen kleinen Beitrag leisten zum Begriff des „europäischen geprägten Islam“.
Ich muss vorab zugeben: Ich bin in dieser Betrachtung über den Islam in al-Andalus aus mehreren Gründen nicht im wissenschaftlichen Sinne objektiv und neutral. Ein – vielleicht auch für Sie emotional nachvollziehbarer Grund - ist hierfür, dass ich selbst in Granada vor nunmehr 12 Jahren Muslim wurde. Menschen, Geschichte und Landschaft haben hierzu natürlich einen nicht zu unterschätzenden Beitrag geleistet. Meine ersten vorsichtigen Fragen nach dem Islam wurden dort von mir gestellt. Alles was der Islam über das Leben zu sagen hatte klang schön und furchtbar zugleich.
Ich erinnere mich noch heute an Fragen wie „Wie kommt man dem Islam näher?“ und an hoffnungsvoll und erwartungsvoll stimmende Antworten wie „ der Islam ist wie die Alhambra, nach außen unzugänglich, schroff – aber im Innern voller Gärten“. Bis heute finde ich das eine zutreffende Bestimmung des Islam und seiner wundervollen Architektur. Dies gilt nicht nur für die Alhambra sondern auch für das einfache Leben. Die Bemerkung über die Innen- und Außenseite des Islam sah ich so auch in den Gassen des maurischen Armenviertels Albaycin bestätigt, (heute eine Toplocation internationaler Immobilienmakler) - hinter den hohen Mauern wartete für mich nicht nur wunderschöne Innenhöfe sondern immer auch ein gutes Mittagessen, aber auch mit den spanischen Muslimen ein gutes Gespräch über Gott und die Welt“. Meine Mission blieb keine Touristische. Zweifellos war für mich al Andalus die Bestätigung in einen Glauben einzutreten der in vielerlei Hinsicht eine europäische Tradition hat und hatte. Die Frage nach dem Islam in Europa wurde bis heute zu nichts anderem als zur eigenen Frage als Gestalt.
Aber heute ist hier natürlich nicht der Ort für subjektive und sentimentale Erinnerungen. Vielmehr soll es darum gehen einige Gedanken über Geschichte, Substanz und Identität des Islam in Europa und seinen Vorbildern vorzutragen. Man hört heute des Öfteren, der Islam und die Muslime befänden sich in einer Identitätskrise. Das mag sein und man kann dieses Argument auch gut führen, die Feststellung geht dann über in die Frage nach der möglichen Rolle geschichtlicher Vorbilder. Sie wissen längst, dass das in der Glaubensüberzeugung der Muslime „es gibt kein Gott außer Allah und der Prophet Muhammad ist sein Gesandter“ das Vorbild des Propheten eine herausragende Bedeutung hat. Das Vorbild und die Nachahmung sind eigentlich integrierter Teil des Glaubens.
Die Shahada bezeugt ganz ausdrücklich die Einheit (Tauwhid) und die Notwendigkeit der Nachfolgeschaft. Das Nachvollziehen des Lebens des Propheten zwischen Mekkah und Madinah ist ein ganz wesentlicher Bestandteil islamischer Erziehung. Ja, eine ganze Wissenschaft über das Leben des Propheten ist auf tausenden gelehrten Seiten der Klassiker präzise und im Detail nacherzählt. Ich würde so weit gehen – so habe ich es zumindest gelernt – das der Islam ohne die Liebe zum Propheten und alleine in der Bestätigung der Einheit gedacht, tatsächlich eine Neigung zur totalitären Ideologie haben könnte.
Die Liebe zum Propheten und seine Kreatürlichkeit, die Nachfolgeschaft und Nachahmung seiner Charaktere und Eigenschaften ist für die innere Balance und Ausgeglichenheit der Muslime immens wichtig. Der Prophet war eben nicht gnadenlos, systematisch und kalt – sondern ein Mann der Gnade, der Liebe und – besonders wichtig – ein Mann der Ausnahmen kennt und der die Extreme meidet. Der Prophet war nicht nur ein Politiker, schon gar kein Ideologe, sondern auch Familienvater, Ehemann und Händler. Ein Vorbild für das Leben über einer Milliarde Menschen eben. Gelebtes Leben ist aber in Wirklichkeit nie ein nur mit dem Verstand zu fassendes System, sondern benötigt auch das Herz als Erkenntnisorgan.
Sie werden sehen – wenn sie sich mit diesen Fragen näher beschäftigen sollten - dass diejenigen Muslime, die versuchen den Islam und seine natürliche Ordnungen als ein systematisches und ideologisches System einigermaßen gewalttätig zu verbreiten auch diejenigen Muslime sind die – aus welchen Gründen auch immer – die Liebe zum Propheten aus ihrem Leben verbannt haben. Ich darf in diesem Kontext auch an das wunderbare und tiefe Wort des Dichters Goethe erinnern, dass man eine Sache ja überhaupt nur wirklich verstehen kann wenn man sie liebt.
Ob Liebe und Ideologie überhaupt zusammen kommen können, ist eine Frage die wir in Europa weiß Gott eindeutig verneinen können. Heute in unserem modernen Kontext stellt sich die Frage nach aktuellen Vorbildern und ihrer Bedeutung. Wer und was hält unsere Gmeinwesen zusammen? Für mich ist in der Beurteilung aktuell-möglicher muslimischer Vorbilder die Erkennbarkeit der Liebe zum Propheten kein unerhebliches, sondern vielmehr ein entscheidendes Kriterium. Hass bildet diese Liebe erkennbar nicht aus. Ich habe ja auch in der Islamischen Zeitung mehrfach ausgeführt, dass ich diese Liebe zum Propheten und die Bereitschaft zur Nachfolgeschaft im Terroristen und seiner privaten Ideologie nicht zu erkennen vermag. (vgl. IZ: „Bin Ladin hat mit der Sunnah nichts zu tun“).
Dies führt mich zu dem heiklen Punkt, dass es heute vor allem für junge Muslime schwer geworden ist, den geraden Weg und islamisch prägende Vorbilder zu finden. Sie sind in vielen Moscheen entweder extremistisch-agierenden oder esoterisch-wirkenden Vorbildern ausgesetzt. Auch die Aura und der etwas zweifelhafte Charme des Funktionärs eignet sich nicht wirklich und dauerhaft um junge Leute nachhaltiger zu begeistern. Der Islam erscheint heute vielen Muslimen als eine Wahl zwischen Extremen, zwischen gebieterischem Fundamentalismus oder privater weltabgewandter Esoterik.
Die Frage nach dem europäischen Islam und seinen Vorbildern stellt sich also für uns Muslime mehr denn je. Ich verbinde das Merkmal „europäisch“ und seine Verknüpfung mit einer liberalen Geisteshaltung übrigens keinesfalls mit dem Umstand ob man den Islam auch praktiziert. Auch in al Andalus - wenn man diese Zeit als so vorbildlich europäisch verklärt - wurde der Islam von den Muslimen selbst natürlich korrekt praktiziert. Glaubensbezeugung, Gebet, Zakat, Fasten, Hajj – alle diese Säulen des Islam kann man zunächst nicht europäisch, fundamentalistisch oder liberal praktizieren sondern vor allem korrekt. Aus meiner Sicht verbietet sich daher eine etwaige politische Kategorisierung dieser Aspekte; der Umstand ob ich bete oder nicht hat aus meiner Sicht wenig damit zu tun ob ich besonders europäisch oder besonders liberal bin. Die Positionen einiger Protagonisten des „europäischen Islam“ erklären sich diesbezüglich eher aus traumatischen – nachvollziehbaren - Erfahrungen mit ihren Heimatländern als aus dem Islam selbst. Während solche Debattenbeiträge letztlich erklären warum man nicht mehr praktiziert, will ich hier verständlicher machen warum man dies eben immer noch sinnvollerweise tut.
Bevor ich einige Aspekte des uns heute interessierenden Islam in Europa – insbesondere wenn wir an al-Andalus denken - vorstellen möchte, kurz noch einige Fakten zur Realität des europäischen Islam. Zunächst einmal sei ganz einfach gefragt: Wer ist denn das künftige Subjekt des europäischen Islam, wer sind also die europäischen Muslime? Ich lege Wert darauf, dass ich hier mit den europäischen Muslimen, vor allem drei, aus meiner Sicht völlig gleichberechtigte Gruppen meine. Es sind
- die europäischen, konvertierten Muslime - die originär bosnischen, albanischen oder andalusischen Muslime - und ausdrücklich auch - die deutsch-sprechenden bzw. europäische Sprachen sprechenden Muslime.
Ich folge in der Logik hierbei dem großen, im andalusischen Murcia geborenen Europäer, Ibn al Arabi, der die Identität eines Menschen – für Europa wie wir wissen leider ganz untypisch – in erster Linie durch sein Sprachvermögen bestimmt. Man ist also, nach der hier vertretenen Ansicht, dann Europäer, wenn man eine europäische Sprache spricht. Gerade das gemeinsame Sprachvermögen – sei es arabisch oder osmanisch - nicht etwa die „rassische“ Zugehörigkeit oder Unterschiede hatten die islamische Vielvölkermodelle entscheidend geprägt, ermöglicht und geformt. Das klassische Beispiel von al-Andalus mit seinen vielseitig beteiligten Völker, auf einem sich fortlaufend ändernden Territorium zeigt, dass die Bildung von Nationalstaaten ( als die Einheit von Rasse und Territorium) dem Islam von jeher fremd und natürlicherweise unmöglich waren. Die Bildung eines Nationalstaates oder einer engen nationalen Sicht setzt – so gesehen - die Zerstörung der islamischen Lebenswirklichkeit gewissermaßen voraus.
In nüchternen Zahlen stellt sich die Situation – zum Beispiel in Deutschland - stichwortartig heute wie folgt dar:
- 16 Millionen Muslime leben in Europa. - 3,4 Millionen Muslime davon leben in Deutschland - von diesen wollen 84% dauerhaft in Deutschland bleiben - über 600.000 Muslime besitzen bereits einen deutschen Pass - 77 klassische Moscheen und über 2000 Gebetsräume existieren bereits in Deutschland - 123 große Moscheen in Deutschland befinden sich im Stadium der Planung
Es ist also eine beachtliche Zahl, die die Muslime in Deutschland und Europa bereits heute darstellen und die – vielleicht auch bange Frage - auslösen, sie sei auch durchaus erlaubt, welche persönlichen und geschichtlichen Vorbilder sich diese europäischen Muslime wählen werden? Das man dies nicht nur „romantisch“ sehen darf, zeigen die gesellschaftlichen Realitäten in den Vorstädten von Paris oder in den Ghettos der europäischen Großstädte. Welche Vorbilder werden Sie wählen?
Ich möchte heute zur Behandlung dieser Fragen folgende grobe und grundsätzliche vierpunktige Gliederung vorschlagen:
1. Eine Klarstellung: „Islam ist keine Kultur“ ( und damit eine Ablehnung der These Huntingtons)
2. Eine kurze Einführung in den besonderen Erfahrungshorizont und Erfahrungskontext des „Islam in Europa“ (Sarajevo, Weimar und hier eben besonders Cordoba und Granada)
3. Die Frage nach dem eigentlichen Zivilisationsbeitrag des Islam bzw. des europäischen Islam.
4. Die Bestimmung eines möglichen Denk-Beitrages der europäischen Muslime, vor allem aus der Verortung al-Andalus gedacht... Stichworte Ibn a- Arabi und Ibn Rushd.
Ich möchte so versuchen die Frage nach dem Vorbildcharakter des Islam in al-Andalus in einen gesamteuropäischen Kontext zu stellen.
Beginnen wir also mit einer Klarstellung: der Islam ist keine Kultur.
Es ist keine Frage, dass die Mehrheit der Bevölkerung bis heute den Islam als fremdartig begreift und dies obwohl Christentum und der Islam nicht nur aus der gleichen außer-europäischen Weltgegend stammen, sondern beide Religionen Europa gewissermaßen kolonisiert haben. Das Phänomen des Balkans und des europäischen Islam in Südspanien wurden bisher als europäische kulturelle Phänomene jedenfalls nicht ausreichend wahrgenommen. Vielmehr gilt heute, dass die gesellschaftliche Debatte um die Probleme, Realitäten und Möglichkeiten der „multikulturellen Gesellschaft“ heute zunehmend auch als eine Debatte um die kulturelle Integrierbarkeit des Islam in Europa geführt wird. Die Debatte bekommt auch gerne den belehrenden, typisch europäischen Unterton. Das hört sihc dann schnell so an: „wir sind gut, weil sie böse sind“. Hier hat der Islam den Kommunismus als Feindbild wohl ein Stück weit ersetzt. Oft wird so vergessen , das wir Muslime zu verantworten haben wie die islamische Welt heute ist, während die westliche Welt, sich nur daran messen lassen will, was irgendwann einmal sein soll. De facto leben wir aber nun einmal alle miteinander in einer Welt, deren aktuelle Katastrophen und Ungerechtigkeit wahrlich titanisches Ausmaß erreicht hat. Mir scheint, dass die Debatte um den Islamismus auch von der geschichtlich anstehenden Debatte über den Kapitalismus ablenkt. Ich glaube persönlich eher, dass das Schicksal der Demokratie von der Entwicklung des entfesselten Kapitalismus abhängt als von den vereinzelten Phantasien einiger Steinzeitbomber.
Dennoch ist die Frage nach der Integrierbarkeit des Islam legitim. Die heute bekannten Integrationsprobleme „ausländischer Mitbürger“ sind per se natürlich keine ausschließlich islamische Problematik. Der berechtigte Vorwurf der Muslime ist, dass so manches was vor einigen Jahren als „ausländerfeindlich“ verpönt war, heute im Bezug auf Muslime – vorallem wenn man sich berechtigt sieht sie als Islamisten einzustufen - wieder hoffähig werden konnte. Eines der jüngeren Beispiele hierzu ist die Debatte um die Aufnahme der Türkei in der EU, die auch in seriösen Zeitungen mit der vielsagenden Überschrift „das Türkenproblem“ geführt wurde.
Deutlich wurde die inhaltliche und emotionale Seite dieser Aspekte – soweit es den Islam betrifft – beispielsweise durch einen ungewöhnlichen Beitrag in der Tageszeitung (taz) vom 10.09.2002 – mit dem Titel „Muslime sind nicht integrierbar“. Ich weiß aus vielen persönlichen Gesprächen, dass dieser Beitrag – veröffentlich in einer liberalen Tageszeitung - von vielen Muslimen „schockiert“ aufgenommen wurde:
Der 70jährige Geschichtsphilosoph Wehler äußert in der taz ein Gedankengut, dass man vor dem 11.09. schlicht als „Rechts“ eingestuft hätte. Neben seiner Verteidigung der Thesen Huntingtons und einigen – vorsichtig formuliert – sehr merkwürdigen Hinweisen auf „rassische Zuwanderungskriterien“ und der Notwendigkeit einer gesteuerten Zuwanderung, beantwortet er die Frage der taz nach dem bislang doch eher friedlichen Zusammenleben von Türken und Deutschen und der Integrierbarkeit des Islam in Europa wie folgt:
„Das Beispiel zeigt, dass es eben nicht funktioniert. Die Bundesrepublik hat kein Ausländerproblem, sie hat ein Türkenproblem. Diese muslimische Diaspora ist im Prinzip nicht integrierbar. Die Bundesrepublik ist seit ihrer Gründung mit heute zehn Prozent Zugewanderten bravourös fertig geworden. Aber irgendwann kommt eine Grenze, was man einer komplexen Gesellschaft zumuten kann.“
Ich darf dieses lesenswerte Interview zunächst recht persönlich kontern. Das Problem von Herrn Wehler bin ich selbst und meine Kinder, die als Muslime geboren sind. Kann mein in Weimar geborener Sohn Yusuf, ein Muslim, in diesem Europa nicht integriert werden? Das Problem des Herrn Wehler sind die europäischen Muslime und ihre geschichtlichen Vorbilder. Das Problem für Herrn Wehler sind offensichtlich die neuen Generationen Deutscher Staatsbürger türkischer Abstammung.
Es handelt sich hier um ein – hoffentlich nicht - epomachendes Missverständnis: Die hier relevante Frage - ist der Islam überhaupt eine Kultur? - darf nicht mit dem Fakt verwechselt werden, dass die Muslime immer wieder ganz unterschiedliche Kulturen – von al Andalus bis Afghanistan - hervorgebracht haben. Sie ist aber als Grundfrage an sich ganz klar zu verneinen. Der Islam bringt Kulturen hervor, ist selbst aber keine. Oft genug war der Islam auch ein Filter für Kultur.
Insofern auch ein klares Nein an Herrn Huntington, soweit seine These des Zusammenpralls der Kulturen - den Islam vorallem als eine andere Kultur definiert und erklärt. So versteht sich auch, dass Huntington nicht vom europäischen oder bosnischen Islam , weder von Sarajevo (oder Sebrenica) oder Granada, reden kann und diese geschichtlichen Erfahrungen de facto als nicht-europäische verdrängen muss. Der Islam passt sich durchaus immer wieder kulturell an ohne seine Substanz zu gefährden. Es war ja gerade eine jahrhundertelang zu beobachtende Fähigkeit des Islam, sich äußeren Umständen und kulturellen Besonderheiten aktiv anzupassen.
Es gehört heute – sozusagen im Umkehrschluss - zum wichtigen Beitrag der europäischen Muslime, die kulturellen Besetzungen und Verfehlungen des islamischen Lebens in Europa aktiv herauszufiltern. Dies gilt besonders dann, wenn Kultur als Islam „verkauft“ wird. Natürlich ist – um nur ein extremes Beispiel zu nennen – das Tragen der „Burka“ für die deutschen Muslimas kulturell, aber auch islamisch völlig unhaltbar. Ein Blick in Hochphasen des Islam in al Andalus zeigt, dass die Kleiderordnung gerade bei den Frauen nicht nur flexibel gehandthabt wurde, sondern auch immer wieder wechselte. Wahrscheinlich gab es auch schon in Zeiten der Mauren wichtigeres.
Bevor wir uns dem Islam in Andalusien weiter annähern, möchte ich noch einen kurzen Seitenblick auf die beiden anderen Verortungen des Islam in Europa werfen, nämlich Weimar und Sarajevo.
Zunächst sei vorausgeschickt: es gibt und gab natürlich einen europäisch-islamischen Erfahrungshorizont. Dieser Erfahrungshorizont ist natürlich eigenständig und eigenartig. So sind mir zum Beispiel, als einem in Europa ausgebildeten und lebenden Muslim – so wenig wie allen anderen Europäern - die Religionskriege, die Schiller so meisterhaft beschreibt, die Staats- und Verfassungsgeschichte oder die Ideologien Hitlers und Stalins, der Holocaust und das Schicksal der europäischen Juden, das epochemachende Ereignis der Technik, die Folgen der Finanztechnik und der Globalisierung nicht entgangen. Was für viele Nicht-Europäer als Technik und Wissenschaft geradezu magisch anziehend wirkt, ist uns Europäer eigentlich schon „suspekt“. (Bsp. Überfahrt Marrokko).
Für den Islam in Europa gibt es zweifellos auch konkrete-geschichtliche Prägungen und Vorbilder. Nennen möchte ich zunächst drei konkrete, geschichtliche und gegenwärtigen Erfahrungsorte, Verortungen des Islam, die ich hier ganz bewusst nennen möchte und um die man, wenn man den Islam in Europa verstehen will, wohl nicht herumkommt. Gemeint sind Sarajevo, Weimar und eben Granada. Sie stehen in einem europäischen Zusammenhang.
Mein leitender Gedanke hierbei ist – soweit hier der Balkan und Al-Andalus und seine berühmten Städte genannt sind - dass die islamische Zivilisation sich von jeher weniger um Räume als um Städte dreht. Islamisches Leben verbindet Ordnung und Ortung. Im Zentrum jeder islamischen Zivilisation stehen die Einrichtungen der islamischen Gemeinschaft: die Moschee, die Stiftungen und der Markt. Die Stadt ist der Zivilisationspunkt, wo man daher intaktes islamisches Leben wohl am Besten studieren kann.
Die beinahe 800 Jahre andalusischer Geschichte zeigen schnell, dass praktisch zu keinem Zeitpunkt das gesamte Terretorium der iberischen Halbinsel wirklich beherrscht wurde. Nach Ibn Khaldun, also nach islamischem Geschichtsverstädnis, ist jedes islamisches Gemeinwesen per Natur und unausweichlich auf Wachstum, Höhepunkt und Zerfall angelegt. Die Hochzivilisationen kommen und gehen, wandern geradezu über die Kontinente. Überhaupt ist ein islamischer Staat bzw. Nationalstaat, als die starre Einheit von Rasse und Raum, eine sehr späte, man könnte sagen, ganz und gar unislamische Organisationsform. Die Reize der ideologischen Raumbeherrschung und das ideologische Ziel einer „Weltherrschaft“ war den klassisch gebildeten Muslimen natürlich völlig fremd. Ihre Welt ist ein existentiell vertstandenes in-der -Welt-sein, dessen materielle Existenz von offenen Handelswegen abhängt. Die „totalen“ Ziele der Weltbeherrschung werden auch in der Offenbarung nirgendwo genannt und sind – soweit Muslime diese Ziele heute vereinzelt propagieren – aus der westlichen Ideenwelt übernommen und eher ideologisch als islamisch begründet.
Man muss daran erinnern, dass nach klassisch islamischen und eher organischen Ordnungsvorstellungen – man denke nur Granada - die muslimische Stadt oder das muslimische Viertel neben der jüdischen Stadt oder dem jüdischen Viertel durchaus denkbar war. Es gab wohl damals das Wort „Toleranz“ nicht, aber auch keine islamische Ideologie die damit ein Problem gehabt hätte. Es gehört zur eigentlichen Tragik des Konfliktes in Palästina, nebenbei erwähnt, dass dort noch immer vor allem zwei ideologische und nationalstaatliche Raumvorstellungen aufeinandertreffen.
Lassen sie uns auf unserer kleinen „Städtetour“ noch ganz kurz an einen weiteren gesamteuropäischen Zusammenhang und damit an Sarajevo erinnern:
Bei vielen meiner Besuche in Bosnien – zum ersten Mal war ich mit meinem Vater als Tourist dort – hatte ich eigentlich nie einen Zweifel, dass es sich dort um ein europäisches Kernland handelt. Vielsagend wurden die Bosniaken im Krieg von der serbischen Propaganda als „Türken und Orientalen“ tituliert und provoziert. Schon ein einfacher Bergblick auf Sarajevo und die Ausbreitung der Stadt im Tal, seine anschauliche Stadtgeschichte (Osmanen, Kaiserzeit, Neues Viertel) spricht sozusagen Bände über die komplexe Geschichte des Islam in Europa. Vieles davon ist bemerkenswerte Kulturgeschichte. Bosnien ist aber auch ein wichtiges Symbol des besonderen, europäischen Erfahrungshorizontes der europäischen Muslime. Es ist für mich ein tiefes humanitäres Anliegen hier an den letzten großen Krieg in Europa zu erinnern. Ich überlasse Ihnen dabei das Urteil, ob der Bosnienkrieg der 90er Jahre als gesamteuropäische Erfahrung und Betrachtung heute – vielleicht nicht ganz zufällig - einer Art Verdrängung unterworfen ist. Es gilt aber zweifellos: Sarajevo ist auch ein Mahnmal für muslimische Opfer. Leider sieht man heute am Olympiastadion der Stadt, mit seinen symbolischen Ringen des sportlich-griechischen Wettkampfes, auch Tausende von Gräbern der Gefallenen des Bosnienkrieges. Wer dazu neigt, den Islam automatisch mit Aggression, Krieg und Gewalttätigkeit zu verbinden, sollte sich vielleicht auch an diesen europäischen Krieg erinnern lassen.
Europäische Muslime haben – sozusagen erst gestern - die Greuel von Srebrenica und den Genozid an über 120.000 Muslimen betrauert und erduldet. All das hat nur wenige hundert Kilometer von München stattgefunden. Auf eine Mobilisierung des humanistischen Europas, hat man damals lange Jahre vergeblich gewartet. Für mich, als damals jungen deutschen Muslim, war die eigene, aber auch gesellschaftliche Passivität anhand der Tatsachenberichte aus Bosnien lange Jahre prägend. Hatte man in der Schule nicht gelernt, eine religiös oder rassisch motivierte Verfolgung würde Europa nie mehr zulassen?
Lassen Sie uns kurz über die zweite europäische Stadt – nämlich Weimar - sprechen. Nicht weil diese thüringische Stadt für den Islam im gleichen Sinne wie Granada oder Cordoba zu vereinnahmen wäre, aber weil die Gestalt Goethes eben auch ein Vorbild ist für den unbefangenen, denkerischen – man könnte sagen vorbildhaften Umgang Europas mit dem Islam war. Bevor ich aber auf den Dichterfürsten zu sprechen komme, möchte ich vorausschicken, dass dem Islam ein plumpes Ressentiment gegen andere Kulturen immer wesensfremd war. Dies zeigt auch die Geschichte in al-Andalus. Ich weiß das aber auch aus praktischer Erfahrung. In den Jahren, die ich selbst in Weimar verbracht habe und in denen ich hunderten Muslimen die Stadt gezeigt habe, ist mir kein Muslim in die Quere gekommen, ob jung oder alt, vom Akademiker bis zum Bauarbeiter, den diese Stadt nicht ergriffen hätte. Diese Brücke verdanken wir auch Goethe.
Ein kurzer Rückblick sei erlaubt. Als Goethe 1814 mit seinem Gedichtzyklus „West-östlicher Divan“ dem Orient seine Reverenz erwies, setzte er sich – wie Sie wissen - durchaus nicht unbeabsichtigt dem „Verdacht“ aus, selbst ein „Muselmann“ zu sein. Tatsächlich galt Goethe der Islam als beruhigende Gegenwelt zur westlichen Zivilisation und ihrem Machtstreben. Des kulturellen Schismas zwischen dem Islam und dem Westen war er sich stets bewusst, weshalb man seinen Abhandlungen eine weit vorauseilende Modernität zusprechen muss. Zur damaligen Zeit derartige Aussagen zu treffen war also durchaus mutig – man könnte sagen vorbildhaft.
In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Manfred Osten am 22.05.2002 über diesen alten-neuen Dialog mit dem Islam treffend und zusammenfassend:
„Ein Dialog von weit vorauseilender Modernität? Goethe war sich offenbar früh des kulturellen Schismas zwischen dem Islam und dem Westen und der daraus resultierenden Notwendigkeit des großen Gesprächs bewusst. Für seinen Versuch eines solchen Gesprächs, den 1814 entstandenen Gedichtzyklus „West-östlicher Divan“, mag allerdings nach wie vor Nietzsches Verdikt gelten, Goethe sei in der Geschichte der Deutschen „ein Zwischenfall ohne Folgen“. Noch heute begegnen viele Germanisten dem interkulturellen Geniestreich mit Vorbehalten. Immerhin hat Goethe mit diesem Werk schon vor rund 200 Jahren nichts Geringeres vorbereitet als den Dialog mit dem Islam. Die Strategie, die er hierbei verfolgt, beruht auf gründlicher Beschäftigung mit dem scheinbar Fremden. Bei Goethe endet sie in Anerkennung, ja in der Überzeugung, dass der Koran das wichtigste religiöse Dokument der Menschheitsgeschichte neben der Bibel sei.“
Für Goethe waren die arabischen Einflüsse auf die spanische und damit auch die grosse europäische Dichtung offenbar. Er liess sich von ihren Motiven und Rythmen inspirieren und feierte sie enthusiastisch in seinem großen Dichtungswerk. So heißt es „Herrlich ist der Orient übers Mittelmeer gedrungen: Nu wer Hafis kennt und liebt, weiss was Calderon gesungen“. Aber zurück zur Essenz der islamisch-europäischen Verortungen in al-Andalus und auf dem Balkan. Mich fesselt dabei weniger historische Fragen als die Frage, nach dem wirklichen Zivilisationsbeitrag des europäischen Islam. Was hier zu diskutieren wäre, ist nichts anderes, als die Frage nach der eigentlichen Essenz des islamischen Nomos: Was ist es eigentlich, was die islamische Zivilisation ausmacht, vor allem im Lichte, dass der Islam keine Kultur darstellt? Gibt es so etwas wie ein islamisches Grundmodell? Gar so etwas wie eine typisch islamische Zivilgesellschaft? Ist diese in Sarajevo und Granada zu finden? Oder war die islamische Verbreitung doch rein militärisch und auf Besatzung angelegt?
Die Antwort ist einfach und beinahe banal. Ein wichtiger Hinweis auf den überkulturellen Zivilisationsbeitrag des Islam geben uns die berühmten islamischen Städte und Zivilisationspunkte selbst. Die Architektur erzählt überall die selbe Geschichte. Ob Madinah, Cordoba oder aber auch Istanbul, Kairo, Fes... - natürlich, wo der Islam eine große oder kleine Rolle gespielt hat und hatte, hinterlässt er etwas Gemeinsames. Natürlich - die Moschee !
Ein großer, deutscher Andalusienfreund schreibt am 19.3.1913 in Paris begeistert über diese Moschee aus seiner Erinnerung: „ die immense Hauptmoschee, an die ich in Cordoba so viel gedacht habe, ein Hof um darin zusammenzukommen, zu schlafen, zu beten und an den Brunnen zu gehen. Eine erhabene Einfriedung für den Wanderer und den Krieger des Islam, ein Raum sich eng schließend um die Tausende die kamen, aber riesig um jedes ihr einzelnes Herz. Ich zögere ein Bild der der Moschee in diesem Brief einzulegen – nein, es soll nichts Ihrem Anschaun vorweggenommen sein..“
Doch trotz der schönen Worte – sie sind von Rainer Maria Rilkes aus dem Brief an Sidonie Nadherny von Borutin - bedarf es der weiterer Genauigkeit um die Moschee und ihre komplexen soziologischen Wirkungen zu verstehen: islamische Zivilisation hinterließ mehr als nur eine Moschee, nämlich das, was man im Türkischen als „Imaret“ bezeichnet: der ganzheitliche Kristallisations- und Bezugspunkt punkt islamischen Lebens.
Versetzen wir uns gedanklich nochmals kurz in das alte Stadtzentrum Sarajevos oder Granadas oder in das Stadtzentrum irgendeiner klassisch islamischen Stadtanlage zurück. Natürlich finden wir auch dort was hier mit „Imaret“ gemeint ist. Die Moschee als Ortung und Mittelpunkt der Gemeinschaft. Nicht nur in Sarajevo, sondern in jeder islamischen Stadt findet man ein solches Imaret, mit einem Friedhof, einem Bad (Hamam), einem Lehrbetrieb (Madrassa), einem Krankenhaus und einer Armenküche. Das Imaret besteht weiter aus den unersetzlichen Eckpfeilern des islamischen Lebens: dem Markt und den wohltätigen Stiftungen. Ohne sie bleibt das alltägliche islamische Leben einigermaßen leblos und inhaltsleer. Das im Islam de facto und lokal gelebte Modell, erinnert übrigens durchaus an städtische Vorstellungen und Konzeptionen der grün-alternativen Bewegung – zumindest in der Zeit, in der man noch nicht über die Europäische Milchratenverordnung zu entscheiden hatte.
Aber fixieren wir unseren Blick nochmals auf al-Andalus.....
Während der Balkan (Stichwort „Balkanisierung“ ) eher als eine bedrohliche Option für Europa erscheint, ist al-Andalus und Spanien heute längst in die EU integriert, wenn auch mitunter in seiner islamischen Komponente lange Zeit verdrängt. Kurz gesagt: Das Geschichtsbild des Mitteleuropäers ist nach wie vor „lateinisch-westeuropäisch“ zentriert. Des großen Anteils der slawischen Völker und der griechisch-orthodoxen ost- und südeuropäischen Länder an der Entwicklung Europas ist man sich nicht bewusst - schon gar nicht des Anteils der osmanischen Kultur. Völlig aus dem Bewußtsein verdrängt oder kleingeredet und totgeschwiegen ist aber das islamisch-europäische Erbe der iberischen Halbinsel, ohne das das heutige Spanien und auch die europäische Kultur nicht zu erklären und wohl auch nicht das geworden wären, was sie heute sind. In den Schulen wird dieser islamisch-europäische Anteil allenfalls als temporäre Randerscheinung und Fremdkörper abgehandelt. Gerade im Zuge der europäischen Einigung, die nun auch eine neue europäische Identität hervorbringen muß, wäre die Verinnerlichung auch dieses Teils der europäischen Geschichte notwendig. Man denke nur an die Debatte über die eventuelle Zugehörigkeit Bosniens oder der Türkei und ihrer Muslime zur EU. Was heute zu leisten ist, dazu könnte al Andalus durchaus europäisches Vorbild sein.
Die Geschichte al-Andalus beginnt nicht nur für viele Spanier erst nach der Reconquisita, einer Rückeroberung die keine war. Sprechen wir also noch ein wenig über Granada und al Andalus.
„Wer die Geschichte falsch lehrt oder verfälscht macht auch in der Gegenwart Fehler“ ist ein Leitmotiv der Geschichtswissenschaft. Es ist sicher wichtig gerade das islamische Erbe Europas einer authentischen und objektiven Geschichtsforschung zugänglich zu machen. Dies gilt für Andalusien und auch für den Balkan, mit seiner ideologisierten Geschichtsforschung. So hat die IZ eine Bürgerinitiative in Granada „Garnata 2000“ vorgestellt, in der Nicht-Muslime versuchen das andalusische Erbe vorurteilsfrei aufzuarbeiten. Die Bedeutung von Garnata wurde dabei von der Leiterin Carmen Perez in der IZ wie folgt beschrieben:
Garnata macht weder Politik, noch gehört es einer Religion an. Wir wollen unser Mittelalter kennen lernen und dies vermitteln: es handelt sich beinahe um 1000 Jahre unserer Geschichte. In Andalusien gehen die Archive nur bis zum 16.Jahrhundert zurück. Die 1000 Jahre islamischer Geschichte, die sich davor ereignet hat, stellt für uns eine große Leere dar, die uns nur durch wenig vertrauenswürdige und ungesicherten Quellen bekannt ist, die meisten dieser Quellen stammen von christlichen Mönchen.
Die christliche Geschichtsschreibung über al-Andalus hatte übrigens schon Nietzsche erbost und Nietzsche , der Philosoph mit dem Hammer schreibt: „das Christentum hat uns um die Ernte der antiken Kultur gebracht, es hat uns später wieder um die Ernte der Islam-Kultur gebracht. Die wunderbare maurische Kultur Welt Spaniens, uns im Grunde verwandter, zu Sinn und Geschmack redender als Rom und Griechenland wurde niedergetreten..“
Wie auch immer - die aktuelle und positive Bedeutung der vorgenannten Initiative Garnata und der Aufarbeitung der spanischen Geschichte macht Frau Carmen Perez – nochmals aus dem IZ-Interview zitiert - weiter deutlich:
„Der Islam aus der Zeit von Al-Andalus kann das Vorbild sein, dass unsere Gesellschaft für das 21.Jahrhundert sucht. Damit könnten wir dem Fundamentalismus und Integrismus aller Art begegnen – und ich beziehe mich ausdrücklich nicht nur auf den Fundamentalismus islamischer Herkunft ! Wir wollen in diesem Land einen Islam voller Kultur und Weisheit. Mit einer Wissenschaft, die eine Ethik hatte und mit einer sozialen Gesetzgebung, die dem heutigen Europa vieles beizubringen wüsste“.
Was war denn nun aber geschichtlich geschehen in al-Andalus?
Die Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Muslime - Spanien gab es damals noch nicht - „glich einem Dammbruch [...] und war ursprünglich als Beutezug gedacht“, der sich aber rasch in eine systematische Eroberung mit 7.000 und erst später mit noch einmal 18.000 Soldaten verwandelte. Große Teile des westgotischen Heeres und die unzufriedenen westgotischen Untertanen öffneten ihren Befreiern die Tore der Städte, liefen scharenweise zu den Muslimen über. Die Juden wurden Bundesgenossen der Eroberer. Innerhalb von ca. 10 Jahren war die Halbinsel als Al-Andalus unter islamische Herrschaft gelangt, die erst nach fast 800 Jahren durch christliche Eroberer aus dem Norden ihr blutiges Ende fand. Von einer Reconquista - also einer Rückeroberung durch die Heere Kastiliens und Aragons kann also nicht die Rede sein. Diese Eroberer konnten sich nicht einmal darauf berufen, die Rechtsnachfolge der ehemaligen gotischen Herrscher angetreten zu haben.
Es würde den Rahmen sprengen die komplexe Geschichte Andalusiens hier nur anzudeuten. Lassen Sie uns daher lieber versuchen aus dem originär erkennbaren Denken in al-Andalus zumindest zwei Denkbeiträge zweier großer europäischer Muslime anzudenken. Denker sind ja auch Vorbilder – und berühmte Gelehrten hat al-Andalus weiß Gott viele zu bieten. Bei aller Berechtigung und Notwendigkeit von Chartas und allgemeiner Erklärungen bleibt die Fragen nach dem eigenständigen Denkbeitrag der Muslime Europas heute – so meine ich zumindest – immer noch merkwürdig offen. Die Frage heißt : „Gibt denn der Islam den Europäern zu denken?“ und „hat der Islam denkerisch überhaupt noch Relevanz und Sinn?“
Es sind vor allem die geistigen Impulse des großen Schaikh Ibn al Arabi und Ibn Rushd die auch heute noch eine eigene Spannkraft und zeitlose Aktualität entfalten. Ich erwähne diese beiden Denker weil man in der Beschäftigung mit Ihnen ahnt, dass der Islam begriffsnotwendig die innere und unsichtbare Welt, als auch die äußere, sichtbare Welt umfasst. Der Islam gab so vielen Europäer, die selbst auf der Suche nach der Einheit waren, immer wieder neu zu denken. Die Frage nach der Einheit, erfahren im Weg des authentischen Sufismus und die Grundfrage nach den Bedingungen einer gerechten Gesellschaft , sind die geistigen Abenteur und Inspirationen die auch heute uns Europäer in diesen Werken nach wie vor zugänglich werden. Es ist müßig zu bezeugen, dass sich das Denken dabei durchaus im offenbarten Rahmen bewegt und beide Denker natürlich auch praktizierende Muslime waren. Beide verweisen auf den Zusammenhang göttlicher Annäherung und der Verpflichtung zur Gerechtigkeit – ganz im Sinne Dostojewskis der ja prognostizierte „in einer Welt ohne Gott gelten auch keine Regeln mehr“.
Ibn Rushd wurde 520 in Cordoba, Spanien, geboren. Was für ein erstaunlicher Mann! Zweifellos war Ibn Rush ein Universalgenie, ein emsiger Gelehrter, der zahlreiche Schriften über die Qur’anischen und die Naturwissenschaften hervorbrachte. Es existieren zahlreiche Berichte über seine Beherrschung der arabischen Sprache, und Ibn Rushd konnte eindrucksvolle Predigten in der städtischen Moschee halten. Er kannte die Dichtung von al-Mutanabbi und Abu Tammam auswendig und rezitierte sie häufig, um einen Sachverhalt näher darzustellen oder seine Studenten anzuregen. Er war ein einflußreicher Lehrer des Rechts, und zahlreiche Gelehrte seiner Zeit studierten bei ihm. Die Menschen befragten ihn über medizinische Behandlungen wie auch über seine rechtlichen Urteile, und er gab Rat mit "reichlich Äußerungen, Höflichkeiten und Weisheit". Im Jahre 593 nahm das Schicksal Ibn Ruschds eine dramatische Wendung. Sein Prozeß oder seine Prüfung zieht die Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft all seiner Biographen auf sich und nimmt oft einen großen Teil ihrer Werke ein. Laut Ansari trat dieses "böse Unglück" 593 auf. Wir hören von dem Geschichtsschreiber Abu’l-Hajjaj b. Umar – der offensichtlich ein Verteidiger Ibn Ruschds ist –, daß für längere Zeit starke Gefühle der Feindseligkeit zwischen ihm und bestimmten Leuten in Cordoba existierten und daß die Ursache für diese Feindseligkeiten Neid und Rivalität waren. Die Gebildeteren unter ihnen, so wird uns berichtet, begannen Teile seiner Schriften zu kritisieren und interpretierten sie als klaren Beweis dafür, daß er von der "Sunna der Schari’a" abgewichen sei und "das Naturrecht" bevorzuge. Um ihre Beschuldigungen zu unterstützen, schoben sie zahlreiche Worte und Passagen in seine Texte ein. Die öffentliche Verbannung Ibn Ruschds, des obersten Richters, in Anwesenheit des Khalifen und der einflußreichsten Männer des Staates war ein großes politisches Ereignis. Es war jedoch keine isolierte Attacke: Verfolgung von Philosophen fand überall in der islamischen Welt in dieser Zeit statt. Ibn Ruschds Ansehen als Denker, Richter und Jurist überlebte diese zeitweilige Schande.
Ibn Ruschd hat die Rahmenbedingungen für den gerechten Handel in seinem Rechtshandbuch Bidaja al-Mudschtahid analysiert. Wie viele andere islamische Rechtsbücher auch, handelt dieses Buch zu einem großen Teil über ökonomische Fragen. Dieses Rechtsbuch wurde während der Zeit der Muwahidun im muslimischen Spanien geschrieben. Wir erkennen daraus das große Anliegen des Juristen, jede Art der Ungerechtigkeit in wirtschaftlichen Transaktionen auszumerzen. In der islamischen Welt, gerade wenn man angeblich die Scharia etabliert , wird dieses für „islamische Kapitalisten“ unbequeme Werk nicht mehr gelehrt. Zu den Ungerechtigkeiten jener Zeit gehörte der Wucher – das Wort hier in seinem ursprünglichem Sinne benutzt –, nämlich jede ungerechtfertigte Erhöhung die einer Partei entsteht ohne den entsprechenden Gegenwert in Gütern oder Arbeit. Ibn Ruschd bestand – wie alle Juristen vor ihm – auf der sozialen Bedeutung dieser Frage und damit auf den kategorischen Imperativ des Islam: "es geht aus dem Gesetz eindeutig hervor, daß der Zweck des Verbotes des Wuchers die Verhinderung von Betrug ist, die dem Wucher folgt, und die Gleichheit in den Transaktionen, die darin besteht, daß die getauschten Waren von gleichem Wert sind".
Zweifellos stimmt Rushd insoweit auch mit dem Werk Aristoteles überein, der ebenfalls in der Politea vor dem Unwesen des Wuchers und der Zinsnahme warnt. Im Qur´an selbst ist dieser Grundsatz in dem recht schroffen Ayat verfasst: „Allah hat den Wucher verboten und den Handel erlaubt“. Heute erleben wir in Europa die Umkehrung, der Wucher ist erlaubt, der freie Handel aber im Prinzip verboten.
Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der europäischen Philosophie, dass der der große Europäer Muhyiddin Ibn Arabi eigentlich verhältnismäßig wenig Beachtung fand. Geboren 1165 in Murcia (Spanien) schreibt der Denker insgesamt fünfhundert Werke, darunter befindet sich Bücher wie sein beruhmtes al-Futuhat al-Makkiya (Offenbarung zu Makka) und Fusus al-Hikam (Facetten der Weisheit) in der er seine Lehre über dem vollkommenen Mensch, über dem Wunder der Schöpfung und über die Stufen der innerliche Reise des Muslim zum Treffen mit seinem Herr zum Ausdruck Kommt. Muhyiddin Ibn Arabi, obwohl der Shaiych al-Akbar, der größte der Sufi-Lehrer, war ein gelehrter Faqih von sehr hohen Rang. Über seine große Gelehrsamkeit hat Ibn Jawzia gesagt: "Ibn Arabi kannte das Geheimnis des größten Gottesnamens, der im Koran verborgen liegt." Es ist nicht zu vergessen das der Lehrer von Ibn Jawzia, Abdalwahhab sein Sufismus nie abgelehnt hat - obwohl seine heutige Anhänger sehr Sufi-feindlich auftreten.
Die Lehre Ibn Arabis basiert sich auf die Anerkennung der Vollkommenheit des Menschen der als reiner – im metaphorischen Sinne - „Sklave“ von Allah zu leben weißt. Diese Weisheit ist weder innerlich-esoterisch noch äußerlich-strukturiert - sie ist nicht anders als die harmonische Lebensweise des überlieferten Sunnas des Propheten, Muhammad, die Friede sei mit ihm. In der Bezeugung der Untergebenheit zur Göttlichkeit findet der Muslim - nach Ibn al Arabi – seine größte Freiheit. Der Qur'an beschreibt solche Männer oder Frauen als "die Freunde Allahs - keine Furcht kommt über sie und keine Trauer". Die Awliya sind jene, in denen keine Spur des Falschen zurückgeblieben ist. Gott hält sie immerfort im Gehorsam fest, so dass ihr Handeln Sein Handeln ist. Im Hadith qudsi heißt es: "Nichts gefällt Mir besser, als etwas, das Meiner Diener hilft, in Meine Nähe zu kommen und als die Anbetung, die ich ihm zur Verpflichtung gemacht habe. Und mein Diener hört nicht auf, Mir durch immer neue bewußte Hingabe näher zu kommen, solange, bis Ich ihn liebe. Und wenn Ich ihn liebe, dann werde Ich der Gehörssinn, mit dem er hört, das Auge, mit dem er sieht, die Hand, mit der er greift, und der Fuß, mit dem er geht".
Im Jahre 1201, im Alter von sechsunddreißig Jahren, unternahm Ibn Arabi eine Pilgerfahrt nach Makka. Dabei betete er zu Allah, dass ihm dieser alles offenbaren möge, was in dieser Welt und in der geistigen Welten in Zukunft geschehen würde. Allah erfüllte seinen Wunsch und offenbarte ihm die Welt der Geheimnisse. Im Jahre 1223 kehrte Ibn Arabi nach Damaskus zurück wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Er starb 1240 in Damaskus.
Meine Damen und Herren, ich kommen nunmehr zum Schluß meines Vortrages und sie ahnen das ich den Vorbildcharakter des Beschriebenen und der Beschriebenen durchaus hoch einschätze. Jedes Vorbild muß doch am Ende die menschliche Fragen nach Gott, Spiritualität und der gerechten Gesellschaft beantworten.
Allerdings werden Sie mir wohl zustimmen, dass auch eine romantische Idealisierung vergangener Tage uns heute nicht unbedingt weiterhilft. So sagt unser Prophet selbst über das Leben „ es sei der Moment des Verweilens unter einem schattigen Baum“.
Es ist auch interessant nachzusinnen warum al-Andalus eigentlich scheiterte.
Es ist wohl wahr, dass in erster Linie die Nachfolgeregelungen und die Militärherrschaft, also strukturelle Unzulänglichkeiten, wie sie in der Geschichte des Islams und auch bis heute unter den Muslimen bestehen, als wesentlicher Grund für das Scheitern der Muslime auf der Iberischen Halbinsel angenommen werden. Andererseits ist jeder Untergang im Islam eben auch Schicksal. Das Stichwort, dam man vielleicht nennen könnte, ist der ethnologische Begriff der segmentierten Gesellschaft , der in den islamischen Gemeinschaften üblicherweise den Niedergang einleitet. Das sind solche, in denen viele Gruppen nebeneinander bestehen. Sie sind vertikal gegliedert. Rivalitäten zu Nachbar-Segmenten, sind fast ausschließlich durch die scharf betonten vertikalen Trennungslinien bestimmt. Damit eine solche segmentierte Gesellschaft nicht in beständigem Krieg der Stämme und Klans leben muss, braucht sie einen starken Herrscher, heute könnte man sagen sie brauchen einen „zentralen Überverein“. Die Macht muß dann so groß sein, dass die vertikale Solidarität die vielen nebeneinander stehenden Kolonnen von Stamm, Klan, Sprachgemeinschaft, Religionsgruppe übersteigt und die Gesellschaft über sie zusammenzuhalten vermag . Das ist den Muslimen in Al-Andalus nicht gelungen. Es wird auch heute nicht gelingen. Die Einheit der Muslime – segmentiert in antiquierte Volksgruppen - allein politisch-hierarchisch und damit letztendlich ideologisch leisten zu wollen ist wohl unmöglich. Der Begriff des Islam in Europa könnte mithelfen, das die heutigen „ türkischen, bosnischen, arabischen und deutschen“ Moscheen endlich wieder zurückfinden zum eigentlichen Modell.
Es ist kein Zufall, dass die meisten „national verfassten“ Muslime eigentlich nicht mehr zu definieren vermögen „was der Islam eigentlich ist“. Auf der horizontalen Ebenen sind es die ökonomischen und sozialen Elemente die, den Islam wirklich ausmachen. Ich empfehle jedem jungen Muslim und auch jedem der sich für den Islam interessiert die kritische Nachprüfung ob die ihm angebotenen Vorbilder und Lebenspraktiken – man könnte beinahe sagen der ihm angebotene Islam – auch wirklich dem islamischen Modell und dem prophetischen Vorbild entsprechen.
Auf der anderen Seite sieht sich das soziale Europa , das Boot also indem wir ja alle sitzen - vor der Herausforderung den möglichen Zerfall in Parallelgesellschaften aufzuhalten. Die Trennlinien zwischen Europäer und Ausländer, zwischen fremd und einheimisch, aber auch zwischen reich und arm sind in unseren Städten bereits zu sehen. Es ist zu hoffen, dass Europa und der Islam zu ihrem langen platonischen Gespräch zurückfinden. Der Islam sollte sich dabei auf seine geglückten Vorbilder und Erfolgsmodelle , seine Erfahrungen, Denkbeiträge und Lebensweisheiten rückbesinnen.
Dann gilt es wieder für Europa nachzuempfinden, was Rainer Maria Rilke am 19.12.1912 Lou Andreas- Salome aus dem andalusischen Ronda schrieb: „..hier les ich den Koran und staune, staune, staune – und habe wieder Lust zum Arabischen“.
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