Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

Tagebuch: In Zeiten des Virus

Foto: Shutterstock

#27 Ideologie
Gibt es positive, gar notwendige Formen der Ideologie?

Laut Slavoj Žižek berufen sich politische Überzeugungen gerne auf „erhabene Objekte der Ideologie“, um die eigene Position als die absolut Überlegene zu etablieren. Das Erhabene definierte schon Kant als das, „was schlechthin groß ist“, und sich so durchaus als Gottesersatz eignet.

In den letzten Jahren führten die Debatten der Bundesrepublik um bestimmte Objekte wie „Natur“ oder „Volk“ zu heftigen Kontroversen. Je nach ideologischer Verortung schien eine Ökodiktatur oder die Rückkehr des nationalistischen Staates zumindest möglich.

Heute diskutieren wir eine dritte Möglichkeit: die Etablierung eines „biologischen Überwachungsstaates“, der künftig das überragende Schutzgut „Gesundheit“ gewährleisten soll. Die Gesellschaftsstruktur ist angesichts der Pandemie im Schockzustand. „Das Virus bricht nun plötzlich mitten in die wegen des globalen Kapitalismus immunologisch stark geschwächte Gesellschaft ein“ und wird als „permanenter Terror empfunden“, beschreibt Byung Chun Han das Ereignis.

Die absolute Mehrheit der Bevölkerung unterstützt – unter dem Eindruck der Bilder des Totes – im Moment noch die Maßnahmen im Ausnahmezustand. Das ist ein wichtiges Merkmal, das nicht zur Idee eines simplen Staatsstreiches passt. Allerdings mehren sich die Stimmen, die die Verhältnismäßigkeit staatlichen Handelns anzweifeln und die Entscheidungen auf Grundlage von umstrittenen Statistiken kritisch begleiten.

Am Horizont spitzt sich eine Frage zu: Können gewohnte Bürgerrechte dem Druck, der sich aus den zahlreichen Bildern möglicher Katastrophen ergibt, am Ende Stand halten?

#26 Europa
Es ist interessant zu beobachten, wie erste Politiker in dieser Krisenwelt der zahlreichen Notwendigkeiten und technischen Möglichkeiten ihren Habitus verändern…

„Denn wenn der Staat eingestandermaßen eine Gemeinschaft ist, und zwar eine Gemeinschaft von Staatsbürgern, so kann, so scheint’s , wenn die Verfassung der Art nach eine andere wird und die Verfassung verschieden ist, auch der Staat nicht mehr derselbe bleiben, wie wir ja auch einen Chor, der bald als komischer und bald als tragischer auftritt, einen anderen nennen, wenn auch die Personen of dieselben sind.“ (Aristoteles, Politik, 3. Kapitel)

#25 Hierarchie
Bei den Wissenschaften gibt es Hierarchien.

Millionen Menschen verfolgen im Moment gebannt den akademischen Diskurs. Ein Impfstoff gegen das Virus könnte die Probleme einer ganzen Welt lösen. Die Erlösung, sie wird wohl bereits – so Gott will – in einem Reagenzglas vorbereitet.

Selten waren Wissenschaftler so präsent in den Medien.

Hier gelten im Auswahlverfahren die Gesetze der Hierarchie, die wissenschaftliche Expertise, der Titel sowie der Rang. Experten sind in den meisten Fällen aber nicht vollkommen frei, sie stehen in Beamtenverhältnissen, sind Angestellte, Teil von Lobbygruppen oder sogar in direktem Verhältnis mit Pharma-Konzernen. Das spricht nicht per se gegen sie, man sollte nur nicht völlig vergessen, dass es eine freie Wissenschaft so nicht gibt.

In der entscheidenden Frage, der Beurteilung von Auswirkungen der Pandemie, sind im Grunde nur noch zwei Stimmen im Angebot: die Rede des wahren, bewunderten Wissenschaftlers im Scheinwerferlicht gegen die Einflüsterungen des falschen, verachtungswürdigen Verschwörungstheoretikers im Darknet. Möglicherweise ist die Lage in Wirklichkeit so eindeutig, dass sich diese Dialektik rechtfertigt. Wenn auch die banale Lebenserfahrung dann außer Kraft gesetzt wäre, dass die Wahrheit manchmal in der Mitte zu suchen ist.

Fakt ist: Kritische, fundierte Stimmen gegen die Regierungspolitik sind aus dem Bereich der Wissenschaft kaum noch zu vernehmen. So vermisst man eine überzeugende Argumentation, die erschütternden Opferzahlen wissenschaftlich einwandfrei und ohne Zweifel ausschließlich mit dem Coronavirus in Relation zu setzen. Endgültige Klarheit wird es nach den Gesetzen der Logik erst nach Pandemie geben können. Man muss aber kein Verschwörungstheoretiker sein, um sich zu erinnern, dass Statistik auch lügen kann.

Wer heute in Universitäten studiert, im Grunde unabhängig vom Fach, wird beobachten können, dass in vielen Fachgebieten kaum alternative Theorien gelehrt werden. Dieses Phänomen der „herrschenden Lehre“ gilt insbesondere in den wichtigen Wirtschaftswissenschaften. In der Diskurstheorie diskutiert man schon länger über dieses Phänomen.

Es ließe sich so auf den Punkt bringen: Der kapitalistische Diskurs dominiert die Wissenschaften.

#24 Weltwirtschaftskrise
Existentielle Krisen sind anstrengend.

Ich verstehe jeden, der seine Aufmerksamkeit im Moment runterfährt und sich mit der veränderten Situation eben so gut wie möglich arrangiert. Wer dagegen Kapazitäten frei hat, sollte den radikalen Veränderungen im ökonomischen Sektor ins Auge sehen.

Je länger ganze Volkswirtschaften still stehen, desto wahrscheinlicher werden ungeheure soziale Verwerfungen. Es droht eine weitere Verschiebung realer Werte hin zu Konzernen und kapitalkräftigen Investmentfonds, die über kurze Zeit Zugang zu gigantischen Geldmengen haben, während tausende kleinere Betriebe und Unternehmer weltweit die Segel streichen müssen. Nach einer Deflation droht im weiteren Verlauf eine Inflation, wenn auch das letztere, durchaus bedrohliche Wort etwas aus der Mode gekommen ist.

Nebenbei gibt die Situation indirekt eine Vorlage: Viele Menschen werden das Virus als Schuldigen ausmachen, während Politiker und Investoren ihre Hände in Unschuld waschen können. Es war ja die Viruskrise, die für alles verantwortlich ist und nicht ein Finanz- und Wirtschaftssystem, dessen Untergang – in seiner derzeitigen Form – viele Fachleute seit Jahren prognostizieren.

Muslime wird diese Situation ebenso vor ungeahnte Herausforderungen stellen. Wir sitzen im gleichen Boot, die Pandemie verschont uns genauso wenig, wie die sich abzeichnende Weltwirtschaftskrise. Wer in dieser Zeit das Phänomen und die potentielle Rolle des Islam wirklich verstehen will, muss sich seiner sozialen und ökonomischen Dimension zuwenden. Es gibt hier ein enormes Bildungsdefizit.

#23 Faust & Italien
Ach, Italien… Im Januar war ich noch beruflich in Rom und besuchte unter anderem das Goethe-Haus in der Innenstadt. Selbstverständlich hatte ich keine Ahnung, dass Italien kurze Zeit später Schauplatz der größten Krise der Nachkriegsgeschichte sein würde. Bilder aus den Krankenhäusern Norditaliens stehen heute für die Abgründe, die sich aus der Pandemie entwickeln, während Delfine, die sich in der Lagunenstadt Venedig tummeln, ebenso zur Besinnung anregen.

Die berühmte Italienreise Goethes (1786-1788) steht am Beginn der Faszination, die dieses Land bis heute auf Reisende ausstrahlt. Die Erfahrungen, die der Dichter in seinen Reiseschilderungen mit uns teilt, sind wichtig für das Verständnis des „Faust“. Das legendäre Werk nimmt wiederum Aspekte aller Krisen dieses Jahrhunderts vorweg.

Nach einem – heute würde man sagen – Burnout, der sich aus den zahlreichen Verpflichtungen am Weimarer Hof und einer Schaffenskrise ergab, flüchtete der Dichter 1786 über Nacht aus der Stadt. „Schweigen vor Glück“, mochte Goethe als Italienwanderer in dem Augenblick, da endlich die kaum zu bändigende Begierde, nach Rom zu kommen, gestillt ist. Er ist begeistert, „Schauen, Staunen, Schweigen“ – „wie wahr, wie seiend“ ruft er im Land seiner Träume aus. Goethe bewegt sich in der Tradition der antiken Philosophie, in der Übung, das Bewusstsein auf den Augenblick und auf das gegenwärtig hier Seiende zu richten.

Goethe verlässt das Land 1788 aus recht profanen Gründen, die Pflicht ruft und die Lohnzahlungen seines Fürsten sind auf Dauer nicht mehr zu erwarten.

Im Nachgang zitiert Eckermann im Oktober 1828 Goethe wie folgt: „Ja, ich kann sagen, daß ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei, – Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen, ich bin, mit meinem Zustande in Rom verglichen, eigentlich nachher nie wider froh geworden. Doch wollen wir uns nicht melancholischen Betrachtungen hingeben.“

Hier manifestiert sich letztlich Goethes Kritik am Begriff der Moderne, deren Zeit- und Geschichtsmodus und deren Kennzeichen er in der Aufhebung der Gegenwart versteht. Im „Faust“ spiegeln sich diese Umstände in dem berühmten Pakt, den der „ewig Ungeduldige“ Faust mit Mephistopheles eingeht. Faust behauptet, dass keine teuflische oder magische Verführungskraft ihn in eine Lage bringen könnte, in der er „Augenblick verweile“ ausrufen würde.

In diesem Pakt diktiert Faust das moderne Gesetz der permanenten Revolution, die desgleichen keinen Augenblick zur Ruhe, nie ans Ziel gelangen darf, die immer auf der „Flucht nach vorn“ ist. (Michael Jaeger, Global Player Faust).

Faust wird zum Archetypus der Moderne. Im zweiten Teil des Dramas, schaffen Faerust und Mephistopheles das Papiergeld, ein magisches Symbol der Macht, der endlosen Expansion und etablieren rücksichtslos und gegen alle Gesetze der Natur ihr Projekt der Kolonialisierung.

#22 Restzweifel
Wenn man in grelles Scheinwerferlicht blickt, wird man leicht blind.

Wie ihr wisst, teile ich die Auffassung, dass sogar harte Maßnahmen zur Verhinderung des Zusammenbruchs des deutschen Gesundheitssystems gerechtfertigt sind. Allerdings – finde ich – sollte man einen Restzweifel nicht unterdrücken. Die Erfahrung lehrt: Insbesondere wenn die gesamte Medienlandschaft ein Phänomen bis in die letzte Ecke ausleuchtet, ist ein objektives Erkenntnisverfahren erschwert.

Beispiele dafür sind:
– Man sollte weiter darüber nachdenken, ob es für die offensichtliche Überlastung der Gesundheitssysteme in Italien, Spanien und Frankreich andere Gründe haben könnte. So sterben zum Beispiel in Krankenhäusern, die Probleme mit Krankenhauskeimen haben, mehr Menschen.

– Statistik hat immer ihre fragwürdige Seiten. Die Erhebung und Bewertung von „Big Data“ lässt stets Interpretationsspielraum offen.

– Verständlicherweise steht die Politik unter enormen Druck, „tödliche“ Fehler zu begehen. Dies bedroht naturgemäß den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit.

– Das föderale System der Bundesrepublik hat sich bewährt. Der Ruf – unter dem Eindruck der Pandemie – nach einem starken Zentralstaat ist zumindest diskutabel.

– Das deutsche InfektionsschutzG ist aus juristischer Sicht eine schwache Grundlage für massive Grundrechtseinschränkungen (die eine ganze Bevölkerung betreffen). Hier wird es sicher im weiteren Verlauf der Krise eine Debatte geben müssen.

Wir müssen gerade jetzt zwischen dummen Verschwörungstheorien und ernsten, substantiellen Zweifeln an staatlichem Handeln unterscheiden.

#21 Sprache
Zeiten existentieller Erfahrung spiegeln sich in unserer Sprache und im Sprachgebrauch wider.

Die Ausbreitung des Corona-Virus – wie immer wir ihn deuten oder definieren wollen – ist ein geschichtliches Ereignis, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Seine reale Wirkung zeigt sich in der symbolischen und imaginären Ordnung, in der wir uns bisher eingerichtet haben. Sie ist erschüttert, verändert und löst sich in Teilbereichen auf; unabhängig, ob wir die Lage als temporäre Störung, endgültige Katastrophe oder potentielle Chance bewerten wollen.

Diskurse verschieben sich. Der wissenschaftliche Diskurs dominiert den politischen. Ideologische Positionen verlieren ihre Bedeutung, die allgemeine Sorge um die Gesundheit verdrängt sie. Signifikante Worte – zum Beispiel „Bürgerrechte“ – lösen sich zeitweise auf, während der Begriff des „Ausnahmezustandes“ plötzlich unsere Realität bestimmt. Radikale Entscheidungen werden ohne lange Diskussionen gefällt.

Wir realisieren deutlicher, von welchem Ort wir sprechen: aus der Sicherheit oder aus der Not – von Erfahrung geprägt oder von Spekulation getrieben.

Sätze fallen anders.

Wir zitierten gestern kluge Worte der Philosophen, Weisheiten, wie zum Beispiel: „Der Verzicht nimmt nicht, er gibt.“ Heute erfahren wir selbst ihre reale Bedeutungen und den eigentlichen Gehalt der Aussagen in Form einer praktischen Übung. Wir bemerken, als Sender derartige Botschaften, dass sie an dritten Orten ganz anders treffen können: im Flüchtlingslager oder in Afrika. Was hier Weisheit artikuliert, kann dort wie Zynismus wirken.

Unsere Zustände fließen, wir Muslime kennen dieses Phänomen aus dem Ramadan. Wir schwanken zwischen Gerede und Schweigen. Wir sehen dem Realen ins Auge und verdrängen es wieder. Wir erfahren Einsamkeit, Stille und Isolation als existentielle Vertiefung, Erweiterung, Geschenk oder Langeweile. Wir entscheiden.

Das Virtuelle wird zum Fluchtort. Die verlorene Gemeinschaft wird in der Imagination gesucht. Dies kann – im Sinne Zizeks – durchaus als Vorbereitung für eine künftige Wirklichkeit begriffen werden. Oder es ist Ausdruck der Verdrängung; der hilflose Versuch, uns schnell in eine Pseudonormalität zu phantasieren.

Allein das Gebet steht wie ein Fels in der Brandung – unberührt, standhaft – in den Wogen dieser Zeit.

#20 Shutdown
Zu den schönsten Reiseerinnerungen meines Lebens gehört ein Besuch in einer Moschee in Soweto. Ich erinnere mich gut an diese Nacht, die wir mit gemeinsamen Gebeten verbracht haben. Diese Muslime sind arm. Ihre Gastfreundschaft betraf das nicht, das gemeinsame Abendessen bleibt mir unvergesslich.

Möge Allah sie alle schützen.

Heute lese ich den folgenden Beitrag eines Muslims aus Afrika: „For the first time since this outbreak began, my spirit is down. What will the poor of this country eat for 21 days if they cannot leave their homes? This shutdown cannot work, no matter how well-meaning the president is.“

Diese Worte fallen, auch in meine eigenen Einschätzungen der Lage.

Das Reale kann sprachlos machen.

#19 Dilemma
„Auf der einen Seite wollen wir die Zahlen runterdrücken, damit die Intensivstationen nicht überlastet sind. Doch wenn wir zu gut sind, werden wir das Problem haben, dass es sehr lange dauert, bis wir eine sogenannte Herdenimmunität erreichen.“ Hendrick Streeck, Uni Bonn

#18 Relevanz
Hände waschen, soziale Kontakte einschränken usw., sich nicht von Ängsten oder Panik bestimmen lassen, beten, Gottvertrauen – all dies sind die geboten Vorsichtsmaßnahmen und Einstellungen in Zeiten einer Pandemie.

Am Horizont erscheint gleichzeitig ein anderes Szenario: Geldentwertung, Massenarbeitslosigkeit und soziale Verwerfungen. Genauso darauf muss man sich vorbereiten. Die Relevanz von Wissen, gleicherweise über den Islam, verschiebt sich daher langsam.

Sind wir vorbereitet? Quellen haben wir, auch wenn praktische Modelle derzeit eher die Ausnahme sind. In den meisten Rechtsbüchern des Islam sind lange Kapitel über das Wirtschaftsrecht, soziale Institutionen oder Vertragsformen zu finden…

#17 Folgen
Und siehe da … es regnete Geld vom Himmel. Die Menschen staunten über die wundersame Geldvermehrung.

#16 Hamstern
„Ach, was könnte nicht alles geschehen!“ (Franz Kafka)

„Hamstern“ ist ein Begriff, den ich aus Erzählungen meiner Mutter kenne. Die verarmte Stadtbevölkerung machte sich in Kriegszeiten auf den Weg aufs Land, um ein paar Kartoffeln oder Eier zu ergattern. Wieder ein Wort, das sich heute anders auflädt. Heute beschreibt es den von Ängsten getriebenen Einkauf im Supermarkt und damit einen Moment in unserer Zivilisationsgeschichte.

In Franz Kafkas Abhandlung „Der Bau“ wird kein Hamster beschrieben, sondern der Bewusstseinsstrom eines Tieres, das verzweifelt versucht, sich abzusichern. In seiner Burg betreibt es seine Art der Vorsorge. „Auf diesem Burgplatz sammle ich meine Vorräte, alles, was ich über meine augenblicklichen Bedürfnisse hinaus innerhalb des Baus erjage, und alles, was ich von meinen Jagden außer dem Hause mitbringe, häufe ich hier auf.“ Der Rückzug gelingt – trotz aller Maßnahmen – nicht wirklich. Es bleibt das Gefühl tiefer Verunsicherung. „Das schönste an meinem Bau ist aber seine Stille. Freilich, sie ist trügerisch. Plötzlich einmal kann sie unterbrochen werden und alles ist zu Ende.“

Die Sphäre, die sich in und um den Bau bildet, würde man heute als „kafkaesk“ beschreiben. Trotz aller Bemühungen bleibt das Vorhaben zur Erreichung maximaler, materieller Absicherung letztlich sinnlos.

„Ich lebe im Innersten meines Hauses in Frieden und inzwischen bohrt sich langsam und still der Gegner von irgendwoher an mich heran.“ Das Tier verlässt schließlich seinen Bau und beobachtet seinen Höhleneingang, die Umgebung. Hin und her gerissen, ob der völlige Rückzug und die Meidung seiner Umwelt geboten ist. Was dem Tier Kafkas trotz all seiner Instinkthandlungen fehlt, ist existentielle Gewissheit.

Selbstverständlich ist es Teil der menschlichen Sorge in einer Krise, maßvoll entsprechende Vorräte anzulegen. Wir lesen ja schon die Nachrichten von möglichen Versorgungsengpässen. Nach dem „Corona-Wochenende“ (BILD) werden wir schon wieder neue Besorgungen machen. 

Kurzum: Wir Muslime ignorieren nicht einfach nur das Reale der Krise. Aber wir erinnern uns zusätzlich gegenseitig an die Tiefe unserer Offenbarung. Wir lesen sie jetzt täglich neu.

In der Sura At-Tauba heißt es: „Sprich: ‘Uns kann nichts passieren, außer dem, was Allah für uns bestimmt hat. Er ist unser Meister. Auf Allah sollten die Gläubigen vertrauen.’“

Und der Prophet sagte: „Wie wunderbar ist die Angelegenheit des Gläubigen; In allem ist Gutes für sie, und dies gilt nur für Gläubige. Wenn Wohlstand sie begleitet, drücken sie Allah Dankbarkeit aus und das ist gut für sie; und wenn ihnen Widrigkeiten widerfahren, ertragen sie es geduldig und das ist gut für sie.“

#15 Einordnung der Lage
Die aktuelle Lage muss man gedanklich angemessen einordnen, um dann die Natur unserer Entscheidungen zu verstehen.

Stufe 1: die wissenschaftliche-medizinische Einordnung des Coronavirus

a) Das Virus ist für die absolute Mehrheit symptomatisch ungefährlich. Für die Meisten gilt daher: Panik? Selbstverständlich nicht! Der Laie wird hier sagen, dass es sich um eine Art Grippe handelt.

b) Wir reagieren jetzt drastisch, weil die Ausbreitung exponentiell erfolgt. Das simple und logisch nachvollziehbare Ziel lautet: Erkranken zu viele Menschen gleichzeitig ernsthaft, könnte unser Gesundheitssystem zusammenbrechen. Theoretisch ließe sich das einfach in Kauf nehmen, nur die ethischen Folgen dieser Strategie wären katastrophal.

Stufe 2: die notwendige ethisch-politische Einordnung

a) Es gilt bisher der Grundsatz, dass die Mehrheit verpflichtet ist, eine bedrohte Minderheit zu schützen. Es geht (so Gott will) dabei nicht um uns (siehe oben), sondern um den Anderen. Das ist eine ethische Entscheidung.

b) Der Ausnahmezustand greift massiv in unsere Bürgerrechte ein. Dabei lautet eine offene Frage, wie lange eine lebendige Gesellschaft diese Maßnahmen akzeptieren kann, muss oder will. Das ist eine politische Entscheidung.

Stufe 3: die ökonomischen Folgen

a) Die getroffenen Maßnahmen haben wirtschaftliche Folgen. Machen wir uns hier unnötig Sorgen? Nein. Diese Sorgen sind völlig gerechtfertigt. Auch unsere Schulden und die Geldmengen werden ein weiteres Mal exponentiell wachsen.

b) Es droht eine veränderte Gesellschaft, die von der Dynamik von Gewinnern wie Monopolen und Krisenverlierern wie Arbeitslosen zerrissen wird.

#14 Stresstest
Ein Land im Stresstest. Alles ist im Steigen. Schaubilder zeigen stark ansteigende Kurven: die Zahl der Infizierten, die Geldmenge und die Zahl der Experten.

Surprise! Surprise! Verschwörungstheorien gedeihen auf so gut wie jedem idealen Nährboden. Die möglicherweise wichtigste Erzählung geht in etwa so: Das Corona-Virus ist kaum schlimmer als jede Epidemie zuvor, aber böse Kräfte im Finanzsystem schüren jetzt die Panik, um ihren Machenschaften effektiver nachgehen zu können. Wenig überraschend sind derartige „Experten“ eher nicht in Colmar, Bergamo oder Heinsberg zuhause.

Grundsätzlich sind ideologisch motivierte Kritiker am Finanzsystem den Fallstricken ihrer Dialektik ausgesetzt. Hier mag die Hysterie paradox wirken: Was geschieht mit der eigenen Daseinsberechtigung, wenn der Feind plötzlich untergeht? Selbstverständlich ergreift die Regierung Maßnahmen, dann zum Wohle von Wallstreet. Realisiert sie diese nicht, dann ebenso zum Wohle der Wallstreet. Überhaupt ist jedes denkbare geschichtliche Ereignis in dieser Logik immer und in jedem Fall Resultat der Machenschaften geheimnisvoll agierender Eliten.

Die Immunität gegen simple Erklärungsmodelle, bedeutet keinesfalls, dass wir das Denken einstellen. Hier gibt es zunächst mehr Fragen als leichte Antworten:

Wem nützt künftig das Quantitive Easing, die ungezügelte Produktion von Geldmengen in Trillionenhöhe? (Tatiana Koffman kommentiert auf Forbes-Online: „In der Tat wurde die quantitative Lockerung als universelles Grundeinkommen für reiche Menschen bezeichnet, da sie die Bedürftigen, während einer Krise nicht direkt betrifft.“)

Wie gehen wir mit dem Argument Giorgio Agambens um, wonach der Ausnahmezustand radikal in unser Dasein eingreift und unser Rückfall auf das „nackte Leben“ und das reine „biologische Überleben“ den Sinn und die Würde unserer Existenz bedroht?

Wachen wir nach dieser Krise in einer Welt auf, in der unsere Abhängigkeit von staatlicher Fürsorge, Monopolen sowie gigantischer Verschuldung keine gesellschaftlichen Alternativen mehr zulässt?

Wir erleben heute eine Phase radikaler Vereinzelung und sozialer Isolierung. Das darf nicht umsonst sein. Sondern wir müssen diese neue Realität als eine Vorbereitung für eine andere Welt verstehen.

#13 „Im Namen der Freiheit“
„Im Namen der Freiheit“ – dieser Buchtitel fällt mir auf, als mein Blick über das Bücherregal schweift.

Das Buch ist noch in eine Folie eingepackt. Ich hatte es vor Jahren gekauft und dann wieder vergessen. Heute ruft es nach meiner Aufmerksamkeit, in einer Zeit, in der die Ausgangssperre über dem öffentlichen Raum schwebt. Wir verstehen nun den Grund für die Beschränkungen unserer Freiheit. Aber: Wir sehnen uns sofort wieder nach den gewohnten Privilegien – sei es die Versammlungsfreiheit oder eine Reise nach Italien.

Michel Onfray hat das Buch geschrieben. Es ist eine Biographie über einer meiner Helden, die ich, bevor ich Muslim wurde, gerne gelesen hatte: Albert Camus. Als ich jung war, schien mir das Postulat des „Absurden“ eine treffende Zustandsbeschreibung deren persönlich und der allgemeinen Lage. Im Inhaltsverzeichnis gibt es ein Kapitel zur „Lebenskunst für Katastrophenzeiten“ und folgerichtig ein Abschnitt über „die Pest“, dem berühmten Buch des Franzosen.

Die Pandemie, der wir uns heute ausgesetzt sehen, hat gottlob nichts mit der Pest des Mittelalters zu tun. Aber Camus beschreibt in dem Buch ebenfalls mehr als nur eine medizinische Krise. Die Seuche trägt eine Symbolik mit einer zeitlosen Bedeutungsvielfalt in sich. Sie ist für ihn eine Metapher für den Totalitarismus, der die Bevölkerung, aber gleichermaßen uns, jederzeit befallen kann. Unter dem Eindruck des Faschismus schreibt er so bis heute gültige Sätze: „Der Faschismus kommt nicht von außen. Er ist von Menschen geschaffen. Er kommt nicht vom Himmel, sondern von der Erde. Wenn ihr in nicht wollt, gibt es ihn nicht.“

Camus sorgte sich zeitlebens um die Opfer, weniger die Mächtigen. Seine Haltung ist klar: „Ich sage nur, dass es auf dieser Erde Plagen und Opfer gibt und dass man sich, so weit wie möglich, weigern muss, auf Seiten der Plage zu sein.“ (Die Pest, S 288) Jede Krise ist demnach eine Chance zur Charakterbildung, ein Aufruf zum Widerstand gegen den inneren und äußeren, sichtbaren und unsichtbaren Feind. Der Dichter fordert den Menschen, der sich im Zaum hält – also das Individuum, dem die Zähmung des Tieres im Innern gelingt.

Bis heute schätze ich den Dichterphilosophen, auch wenn ich die verführerische Theorie des Absurden, längst durch die ganzheitliche Praxis des Islam ersetzt habe. Propheten kamen, um guten Charakter zu vervollständigen. In Krisenzeiten zeigen sich diese Charaktere – nicht in ihrer Rhetorik, auch nicht in der religiös angehauchten Floskel –, sondern in ihrem Handeln und Tun.

#12 Logik
In der aktuellen Krise muss man seine Aussagen möglichst einer Logikprüfung unterziehen. Sonst droht ein neuer Virus. Dann werden die Maßnahmen der Regierung pauschal in Frage gestellt und die Menschen weiter verunsichert.

Fakt ist, die Mehrheit aller in Deutschland lebenden Menschen wird das Virus – Gott sei Dank – gesundheitlich nicht schädigen. Das wurde auch nie behauptet.

Die absolute Mehrheit der Bevölkerung schützt eine Minderheit, die – bei einem rasanten Ausbruch der Pandemie – ernste Probleme bekommen könnte. Von dieser Schnittmenge wird wieder eine Minderheit ins Krankenhaus müssen. Geschieht dies zu schnell und zu sprunghaft, würde das Gesundheitssystem schnell und nach aller Logik an seine Grenzen kommen.

Helden (die wir brauchen werden, wenn es darauf ankommt) sind aufgerufen, die aktuelle Lage im Elsass und in Norditalien genauer zu studieren. Diese Lage ist neu und eben nicht mit den „normalen“ Grippewellen vergangener Tage zu vergleichen. Natürlich fahren hier alle nur auf Sicht und jede Maßnahme muss fortlaufend überprüft werden.

Die Regierung hat im Moment eine ethische Grundsatzfrage beantwortet. Man stelle sich vor, sie würde anders entscheiden: Also unnötig viele Tote in Kauf nehmen, um zum Beispiel das eigene Wirtschaftssystem zu schützen.

Eine völlig andere Frage ist, wer in dieser Krise Gewinner und Verlierer sein werden. Spätestens seit 2007 wissen wir, dass unser Finanzsystem fragil aufgebaut ist und keine globale kritische Situation so leicht übersteht. Das haben wir eher verdrängt und erleben jetzt die Dynamik des Zusammenbruchs. Um dies zur Kenntnis zu nehmen, bedarf es aber keiner Verschwörungstheorien.

Sorgen sollte die schnelle Aufhebung und Einschränkung diverser Bürgerrechte machen. Denn, so zeigt die Vergangenheit, diese Rechte werden uns nicht automatisch wieder zufallen. Hier bedarf es der Wachsamkeit.

Ein Gelehrter hat mir einmal eine zeitlose Formel vermittelt: „Hoffe auf das Beste und sei für das Schlimmste vorbereitet.“

#11 Das Dilemma
Ein unsichtbarer Virus.
Sichtbare Einschränkungen.
Eine Wissenschaft, die uns belehrt.
Ein Staat, der uns plötzlich rigoros regiert.
Eine Ökonomie, die in ihren Grundfesten erschüttert ist.

Die komplizierte Lage vermittelt sich naturgemäß als tiefe Verunsicherung: Was ist notwendig, gegebenenfalls aber auch übertrieben? Geht man besser auf Nummer sicher, oder sind die getroffenen Maßnahmen auf Dauer schädlicher als das Virus selbst?

Faust:
Da steh ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug wie stets zuvor!

Im Netz entwickeln sich hier die Positionen mehr oder weniger dynamisch – inklusive der üblichen Verschwörungstheorien. Jeder scheint die Botschaft zu senden, die ihm in der misslichen Lage den maximalen Genuss verspricht. Typen sprechen: der Unbelehrbare, der Belehrende, der Vernünftige, der Fromme, der Zyniker, der Wissende und der Kritiker. Manche Beiträge spiegeln die Überraschung, den Zweifel, den Verlust an Überzeugungen. Wir begegnen gleichzeitig jenen Zeitgenossen, die es schon immer wussten und praktisch jede Krise augenblicklich und spielerisch in ihre jeweilige Ideologie integrieren.

Wie immer ist auch der innere und äußere Ort interessant, von dem gesprochen wird: aus der Gelassenheit heraus, mit spürbarer Kompetenz, aus dem Argwohn, aus der Theorie, aus der Praxis oder aus dem Krankenhaus, aus der betroffenen Zone, aus dem Schaukelstuhl sowie vom Schreibtisch.

Gibt es so etwas wie objektive Wirklichkeit?

Immerhin, wir lernen zum Beispiel auch über das Phänomen des exponentiellen Wachstums. Muslime kennen das Phänomen schon im Rahmen der alten Zinsberechnungen. Das Wachstumspotential der Viren bildet heute eine Kurve, die merkwürdig an die Entwicklung der globalen Staatsschulden erinnert. Beides deutet Folgen und die Grenzen der Beherrschbarkeit an.

Auf Twitter erscheinen Bilder von Venedig, die Gassen sind so leer, wie das Wasser in der Lagune rein ist. Es entstehen Orte der Sehnsucht, die uns nicht zugänglich sind. Wir reisen zunächst im Innern.

Da alles still steht, müssen wir nicht schnell Endgültiges sagen. Wir haben nun Zeit, die Puzzleteilchen auf uns einwirken zu lassen. Vielleicht bilden die neuen Signifikanten bald eine Ordnung, in der wir uns morgen sicherer bewegen.

#10 Hamsterkäufe und innere Not
Nicht jeder Mensch ist gleich gut auf die anstehenden Veränderungen vorbereitet.

Der irrationale „Rush“ auf das Toilettenpapier zeigt ein Symptom, das man nicht nur verächtlich machen sollte. Es deutet auf eine profunde Not hin. Es ist eine unbewusste Handlung, die interessanterweise tiefer geht als die Angst vor dem Hunger. Hier äußerst sich die Angst vor dem Verlust der Würde und den Rückfall in das „nackte Leben“.

Die Begegnung mit elementaren Ängsten ist eine Übung, die leichter fällt, wenn eine Philosophie oder ein Glauben trägt. Wer hier den Mitmenschen etwas anzubieten hat, für den ist es an der Zeit zu sprechen!

#9 Nutzen wir die Gelegenheit
Die Menschheit geht nicht unter, wohl aber verändern sich die Perspektiven.

Langsam ahnen die Menschen, dass der Staat als gewohnter Allversorger ausfallen könnte. Im besten Fall ist er künftig in der Lage, ein allgemeines Grundeinkommen einzuführen. In einer weniger günstigen Prognose wird er seine Leistungen nach einer Weltwirtschaftskrise stark zurückfahren müssen.

Für uns Muslime – nutzen wir die Zeit – gilt es, neben unserer spirituellen Stärke unsere Kompetenz zu sozialen und ökonomischen Einrichtungen zu erneuern. Stiftungen, lokale Märkte, echtes Geld sowie Zakat sind hier die Stichworte, die wir in einer digitalen Welt neudenken und aktualisieren müssen.

#8 Das Virus und das Reale
Das Reale zeigt sich nicht in Statistiken, es wirkt in uns.

Sorge ist zunächst ein Existential und stellt sich naturgemäß ein. Wir besorgen die Lage, soweit wir das eben können.

Dann gilt es sich, dem inneren Feuerwerk zu stellen. Unsere imaginäre Vorstellungen: Was wäre wenn? Was könnte sein und was dann? Das kann spannend sein. Denn man spürt, wie sich die Priorität der Ängste langsam dem Elementaren zuwendet. Da fällt auch viel ab, was uns gestern noch verrückt machte. Es erscheint heute schon banal. So stellt sich langsam ein neuer innerer Haushalt ein und trägt zur Gesundung bei.

Die Sonne scheint. Der Augenblick lädt zum Verweilen ein. Wir wussten schon länger, dass der Fortschritt und die ewige Flucht nach vorne auf Grenzen stoßen müssen.

Die Offenbarung lehrt, wie man mit dem Realen der Situation umzugehen hat. Immer. Das Gebet erfüllt seine Funktion. Nicht als Flucht, sondern als Bekenntnis, dass da etwas Größeres in uns und um uns wirkt.

#7 Bastionen der Freiheit
Die Regierung verbietet Versammlungen mit mehr als fünf Personen. Das heißt: ade Bürgerrechte. Die letzte Bastion der Freiheit ist nun das Internet: Aber, nüchtern betrachtet: Schauen wir mal.

#6 Das Symbolische
Unsere symbolische Ordnung ist kein Haus aus Beton, in dem wir nur Mieter sind.

Dieser Grunderfahrung – ausgelöst von einer Störung aus dem Realen – sind wir heute ausgesetzt. Sprache verändert sich per Notwendigkeit. Zum Beispiel tauchen neue Signifikanten auf, wie „Triage“, die jetzt unsere imaginäre Vorstellung neuordnen. Meldungen, die uns gestern bedeutsam erschienen, verlieren – vergleichbar zum Geschehen an der Börse – ihren Wert.

Da die Bevölkerung über lange Zeit schon von irrationalen Ängsten geprägt ist, wird die neue Rationalität der Gefahr enorme Auswirkungen haben. Politisch ist unsere Ordnung erschüttert, gewohnte Bürgerrechte lösen sich in Luft auf. Ökonomisch bleibt alles beim Alten. Das Finanzsystem meldet sich mit seinem absoluten Anspruch zurück: „Whatever it takes.“

Alle diese Phänomene sind gefährlicher als das Virus selbst.

Wir werden sehen, dass unsere muslimischen Repräsentanten bedeutungslos werden, da ihre Signifikanz in den Medien vom Händedruck mit Politikern, aber nicht von relevanten Inhalten bestimmt wird. Das islamische Wirtschaftsrecht, Zakat, Stiftungen und unsere soziale Kompetenz werden in der Zukunft dagegen mehr Interesse finden. Zumindest dann, wenn es mehr Muslime gibt, die darüber sprechen.

#5 Die Geldpressen laufen
Sorge, Vorsorge und Fürsorge sind selbstverständlich das Gebot der Stunde. Darüber hinaus gilt aber auch, das Denken nicht einzustellen.

Besondere Aufmerksamkeit sollten wir dem dynamischen Geschehen auf der ökonomischen Bühne schenken. Die Fragen, die sich schon aus der Finanzkrise 2007/8 ergaben, wurden uns mehr oder weniger als gelöst verkauft. Allerdings liefen seitdem die Papiergeldpressen heiß, ohne dass wir uns der Frage nach der Ethik der Geldproduktion (Hülsmann) und den praktischen Folgen gestellt haben.

Die neue Coronakrise wird diese Dimension modernen Wirtschaftens nochmals neu entfesseln – mit bisher ungeahnten Dimensionen, da sie absolut alternativlos erscheinen wird. Schon heute sind die zahlreichen Verlierer klar: An den Börsen haben beispielsweise die Rentenkassen bereits gigantische Summen verloren. Gewinner werden dagegen die immer kleinere Zahl der Menschen sein, die über reale Werte verfügen. Was nun?! Denkt nach!

Es ist bedenkenswert, dass während der Finanzkrise 2007/8 der Islam als ökonomische Alternative kurz diskutiert wurde. Am Horizont erschien er so als Teil einer Lösung. Der folgende Aufstieg des sogenannten politischen Islam hatte diese konstruktive Debatte im Keim erstickt. Er wurde zum Teil eines Problems.

#4 Distanz und Solidarität
Vielleicht muss man diesen Begriff klären. Im Kontext der Pandemie meint dies, auf (unnötige) körperliche Nähe im Austausch mit Mitmenschen zu verzichten. Das ist nicht mit sozialer Kälte zu verwechseln!

Natürlich sind Muslime gerade jetzt aufgefordert, ihre Solidarität und soziale Kompetenz abzurufen. Das heißt, sich zum Beispiel darauf vorzubereiten, wie man in seinem Umfeld in Not geratenen Mitmenschen – wie ältere Nachbarn – künftig helfen kann usw.

#3 Nachricht aus Italien
Heute erhalte ich eine Nachricht von einem engen Fraund aus Norditalien:

Good morning,

I feel necessary to inform you that the situation about the virus here in Italy is a lot worst than we aspected. The Italian government has tempestively acted with the best possible countermeasures but many people are nevertheless dying in a horrific way and lonely.

Who is found positive is insulated and no relative can see him or her anymore, unless he or she survives!

I hope to be wrong but my strong impression is that other European countries are very late in the countermeasures and that this will lead to a disaster.

We are anyway, alhamdulillah, so far well.

#2 Soziale Distanz
Hm… Alltagspossen. O, Macht der Gewohnheiten. Den freundlichen Mann in der Werkstatt will ich wie üblich per Handschlag begrüßen. Er weicht zurück, wie von der Tarantel gestochen. Ich rette dann die Situation, indem ich mich souverän mit für den Fauxpas entschuldige und mit der Handbewegung zum Herzen, eine neue, sofort akzeptierte, und adäquate Begrüßungsform einleite. Allerdings grüße ich ihn jetzt, ebenso gewohnheitsmäßig sofort mit einem herzlichen „As Salaamu ‘alaikum“. Kurze Irritation, dann lachen wir gemeinsam. Soziale Distanz kann neue Türen öffnen…

#1 Das Virus und die notwendige Gelassenheit
Man liest heute viel über Panik und Hysterie, die das weltweit verbreitete Corona-Virus auslöste. Die Vernunft gebietet, dass man sich von diesem Zustand nicht anstecken lässt. Allerdings ist die Sorge um das eigene und das Wohlbefinden Anderer Teil unserer menschlichen Natur und eine grundlegende Seinsweise unserer Existenz. Der Mensch ist auf dieser Grundlage – im Gegensatz zur Panik – immer auch zur Vorsorge fähig, begleitet mit einer nüchternen Reflexion, Sinnsuche und Analyse der Lage.

Das Problem mit dem Virus fällt in eine Zeit, in der der Mensch sich unter dem Stichwort Globalisierung eingerichtet hat. Ewiges Wachstum, andauernde Beschleunigung, vollständige Kontrolle sind Maximen, die sich mit den Prinzipien der Natur nur schwer in Einklang bringen lassen. Schon Goethe hat sich mit diesem Grundwiderspruch im Faust beschäftigt: Das expansive Streben sowie der Herrschaftswille des modernen Menschen trifft dort auf die Grenzen der Natur. Oder wie der Dichter an anderem Ort mahnt: „Die Natur hat manches Unbequeme zwischen ihre schönsten Gaben ausgestreut.“

Wenn wir heute der unheimlichen Störung aus der Welt der Biologie ausgesetzt sind, betrifft das unsere imaginäre und symbolische Ordnung, die wir nach jeder neuen Krise immer mühsamer aufrechterhalten. Signifikante Begriffe unserer symbolischen Ordnung, wie zum Beispiel Menschenrechte, Demokratie und Gerechtigkeit haben unserer Politik bisher absolute Legitimität verliehen. In unserer Vorstellung sollte es eine Welt der Perfektion werden: Märkte die den Wohlstand verteilen, bürgerliche Gesellschaften sowie eine Technik, die uns bei der Umsetzung dient. Schon länger driftet aber das, was sein soll, und das Bestehende weit auseinander.

Es gehört zu den paradoxen Folgen der Epidemie dieser Tage, dass sie mit ihren, unserer Politik entzogenen Mitteln, einen faktischen Zustand der Mäßigung schafft. Weniger Konsum, weniger Reisefreiheit, weniger Ressourcen-Verbrauch sind in etwa die Verhaltensweisen, die wir für ein Überleben der Menschheit in der Theorie angemahnt hatten. Dass das konkret Notwendige mit derart schmerzlichen Folgen verbunden ist, gehört zur unausweichlichen Tragik der menschlichen Situation.

Unsere Hoffnung, dass diese Einschränkungen nur ein vorübergehendes Phänomen darstellen und nach einigen Monaten wieder der Vergangenheit angehören, deutet auf unseren geistigen Ort, den wir im Projekt der Moderne längst klaglos eingenommen haben. Wir Unverbesserlichen sehen in jeder dramatischen Krise nur noch eine kurzzeitige Störung. Vergessen wir nicht, mit dem Predigen von Mäßigung gewinnt man heute keine Wahlen, sie ist vielmehr eine Position, die der Politik von uns nur im Ausnahmezustand gewährt wird.

Die Aufforderung zur sozialen Distanz – der faktischen Entfernung zum Mitmenschen – korrespondiert merkwürdig mit dem Vorwurf der sozialen Kälte, der unsere Gesellschaften schon länger trifft und sich nun, und sei es nur für einige Monate, als Einheitlichkeit der Lebensumstände entfalten. Das Denken in Kausalitäten verbietet hier jede Konstruktion eines Zusammenhangs. Aber man mag hier dennoch einen Bedeutungszusammenhang sehen; nicht im Sinne einer Verschwörungstheorie, wohl aber bezüglich einer ganzheitlichen und nachdenklichen Bestandsaufnahme unserer Situation im Ganzen.

„Gelassenheit ist eine anmutige Form des Selbstbewußtseins“, schrieb Marie von Ebner-Eschenbach einmal. Muslime haben kein gesondertes, geheimnisvolles Schutzschild gegenüber biologischen Katastrophen anzubieten. Islam beansprucht vielmehr nur, eine natürliche Lebenspraxis zu sein, die auf jede Lage, sei sie gut oder schlecht, passt. Es ist eine Praxis, die keinen menschlichen Fortschritt ablehnt, aber Mäßigung anempfiehlt und in jeder Lage, so wie sie eben ist, Trost, gutes Verhalten und Solidarität ermöglicht. In der Tat sagte der Prophet (möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben): „Die Gläubigen gleichen Halmen auf einem Feld, die der Wind hin und her wogen lässt.“