Über Michael Lüders‘ neuen Titel „Wer den Wind sät“

Über Michael Lüders‘ neuen Titel „Wer den Wind sät“

Über Michael Lüders‘ neuen Titel „Wer den Wind sät“

„Was westliche Politik im Orient anrichtet“, erzählt Michael Lüders in seinem neuen Sachbuch über die Lage des Politischen im arabischen Raum. Als unbestechlicher Chronist fasst er die jahrzehntelangen Machenschaften des Westens in der Region klug zusammen. Die Entstehung des modernen Terrors hat für den erfahrenen Journalisten durchaus rationale Gründe, die für ihn mit der jahrzehntelangen Einmischung des Westens in inner-arabische Angelegenheiten zu tun hat. Die jüngere Geschichte dieses Verhältnisses beginnt für Lüders bereits mit dem Staatsstreich gegen den demokratisch gewählten Premierminister Irans, Mossadegh, in den 1950er Jahren.

Lüders erzählt, von diesem Ausgangspunkt, eine dramatische Fortsetzungsgeschichte mit wechselnden Freund-Feind Verhältnissen, zahlreichen moralischen Abgründen und militärischen Interventionen. In der jüngeren Geschichte zeigt sich vor allem der Umgang mit der irakischen Diktatur als das entscheidende strategische und humanitäre Debakel. In den 1990er Jahren sterben bereits über eine Million Iraker an den Folgen der Sanktionspolitik, die, nach dem Einmarsch Saddam Husseins in Kuwait, ein Jahrzehnt lang von der UN vollzogen wird. Lüders erinnert auch an diese Zeit, die gerne verdrängt wird – und sieht in der damaligen Strategie eine „bewusste Verelendungspolitik“.

Die Zerstörung des irakischen Regimes nach den Anschlägen des 11. Septembers, hinterlässt bekannter Weise am Euphrat, statt einer verlässlichen Ordnung, Chaos und zudem ein Machtvakuum, in dem heute der „Islamische Staat“ wirkt. Der Westen war nicht in der Lage, einen neuen Nomos zu etablieren und so fallen die IS-Milizen und ihre Ideologie dann auch nicht einfach aus dem Himmel. Die Tendenz „gute“ und „böse“ Dschihadisten zu unterscheiden, darin sieht Lüders immer wieder den entscheidenden Hauptfehler der westlichen Einmischungspolitik.

Dieser Fehler zeigt sich auch im syrischen Bürgerkrieg. In seinem Verlauf ist dieses humanitäre Debakel, nach der Sicht des Experten, riskant und völlig unberechenbar. Die simple Logik „von gut gegen böse“, möchte Lüders dann auch im komplizierten Falle Syriens nicht einfach gelten lassen. „Rücksicht auf Zivilisten“, so Lüders, „nehmen weder die Kämpfer der ‘Freien Syrischen Armee‘, ebenso wenig wie die des Regimes. Gräueltaten und Wegelagerei sind beiden Seiten vertraut“. Über 1.000 kleine und große Gruppen kämpfen in Syrien und erinnern dabei auch uns Muslime schmerzlich an den Verlust jeder Möglichkeit des Konsens.

Friedensoptionen waren in Syrien, nach Überzeugung Lüders, von Beginn des Konfliktes an für alle Beteiligten nur unter Einbeziehung der Interessen des Irans und Russland möglich. Der Westen wollte dies aber nie einsehen. Statt eine konkrete Realpolitik zu fördern, ist nun die Zivilbevölkerung tief in einem brutalen Stellvertreterkrieg gefangen. Lüders erinnert in diesem Zusammenhang des destruktiven Bürgerkrieges an einen prophetischen Sinnspruch, der auch in den traditionellen Rechtsschulen des Islam lange reflektiert wurde: „besser ein Jahr Finsternis, als eine Nacht ohne Sultan“.

Egal ob in Libyen, Syrien oder im Irak, der Westen schaffe zum Teil, so urteilt Lüders hart und mit Bezugnahme auf die legendäre Allianz des CIA mit arabischen Terroristen in der Zeit des Afghanistankrieges, immer wieder die terroristische Bedrohung selbst. Dahinter sind wiederholt auch profane Interessen erkennbar. Die Kriege im arabischen Raum sind längst Teil einer internationalen Kriegswirtschaft geworden. So hat sich allein der Aktienkurs des größten US-Rüstungskonzerns Lockheed Martin, zwischen Mitte 2010 und Mitte 2014 verdreifacht. Schlechte Aussichten für eine effektive Friedenspolitik, zumal die militärische Lage im „endlosen Krieg“ immer verworrener wird.

Der Autor widmet sich natürlich auch einige kluge Seiten lang dem „Islamischen Staat“ und seiner selbsterklärten Mission eines „Kalifats“. Über dessen Zukunft ist sich der Experte nicht ganz sicher. Möglich sind, aus Sicht des Analysten, die Selbstzerfleischung der Milizionäre, die Etablierung eines zweiten Saudi-Arabiens, oder aber auch jahrzehntelanges Chaos ohne irgendeine konkrete Sinngebung. Geopolitisch gibt es also für eine umfassendere Friedensordnung unter den gegebene Bedingungen zunächst keine große Hoffnung.

Natürlich stellt sich auch für Lüders die Frage nach der Rolle der muslimischen Zivilgesellschaft in den aktuellen Konflikten. Die Araber wollten Freiheit, ökonomische Gerechtigkeit und Demokratie, bekommen haben sie nun „Sisi und den Islamischen Staat“. Für Lüders ist eine Rolle des gemäßigten politischen Islam eher eine der konstruktiveren ­Optionen. „Wer den Wahabismus, Al-­Qaida, oder den Islamischen Staat geschwächt sehen möchte, tut gut daran, in den Muslimbrüdern eine Alternative zu erkennen“, schreibt Lüders zum ­Beispiel.

Auch wenn der Autor zu Recht kritisch aufzeigt, wie die demokratische Regierung Mursi in Ägypten per Coup aus dem Amt gejagt wurde und sich dort eine modernisierte Stasi-Diktatur etabliert hat, bleibt wohl gerade diese These umstritten: Ist der politische Islam Teil der Lösung, oder Teil des Problems? Widerspruch dürfte dabei auch Lüders vorsichtig formulierte Hoffnung auf eine konstruktive Rolle des Iran, oder der Hamas anregen. Während Lüders die Politik Israels mit guten Gründen scharf kritisiert, entgeht ihm ein wenig der Abgrund der selbstmörderischen Strategie der Hamas-Ideologen.

Tatsächlich zeigen sich hier auch die Schwächen der etwas einseitig „politisch“ inspirierten Analyse Lüders. Bei seiner Chronik geht er weder auf die profanen ökonomischen Komponenten der „Hungerrevolutionen“ ein, noch auf den für das Verständnis wichtigen historischen Jahrhundertdeal der USA, „Öl gegen Dollar“, welcher die US-Geopolitik jahrzehntelang prägte. Die einseitige Festlegung des Islam auf das Politische, mag so gerade die Lösungspotentiale einer islamischen Zivilgesellschaft verkennen. Ohne die sozialen und ökonomischen Komponenten des Islam, die der politische Islam bisher kaum erkennt, ist die Vision einer gerechten Gesellschaft kaum absehbar.

Michael Lüders, Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet, C.H. Beck, März 2015, Taschenbuch, 175 Seiten, ISBN 978-3406677496, Preis: EUR 14,95

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