11.03.2010
Deutsche Muslime

Mein Sohn ist 14 Jahre alt, als Sohn muslimischer Eltern in Weimar geboren, geht auf das örtliche Gymnasium und spielt in seiner Fußballmanschaft im Mittelfeld. Angesichts der aktuellen Debatte um die Islamkonferenz frage ich mich manchmal: ist mein Junge dort wirklich vertreten? Die Antwort dürfte zumindest dann positiv ausfallen, wenn das Konzept der Konferenz nicht davon ausgeht, dass ein Muslim aus dem Ausland sein muss oder per se ein Integrationsproblem darstellt. Bedenken sind diesbezüglich auf beiden Seiten angebracht, bei Verbänden, die das "Türkische" und "Nationale" (was immer das ist) herausstreichen oder bei der Regierung, die, inmitten der irrationalsten Finanzkrise der Menschheitsgeschichte, ihre armen rückständigen Muslime grundsätzlich über die Aufklärung und westliche Werte belehren will. Beide Ansätze wirken nicht nur antiquiert, sie gehen an der islamischen Wirklichkeit meiner Kinder vorbei.

Deutsche Muslime - Wer sind sie?

Fakt ist, es gibt eine wachsende Zahl deutscher Muslime, zu denen auch ausdrücklich diejenigen gehören, die hier geboren sind und die deutsche Sprache sprechen, natürlich völlig unabhängig von der unwichtigen Frage, woher ihre Eltern ursprünglich stammen. Die Identität eines Menschen macht in erster Linie sein Sprachvermögen aus; wer hier seit Geburt lebt und deutsch spricht, gehört natürlich genauso zu Deutschland dazu wie meine eigenen Kinder. Diese wachsende Gruppe der deutschen Muslime birgt nicht nur einen wichtigen Debattenbeitrag und trägt zur Vermittlung der Positionen bei, sie wird auch am Ehesten zwischen der verpflichtenden Essenz des Islam und dem importierten, kulturellen Erbe islamischer Länder unterscheiden können.

Als Minderheit stehen deutsche Muslime heute nicht unerheblich unter Druck, vor allem seit einige "deutsche Muslime" mit einem lächerlich-pubertären Islamverständnis zum Symbol des Terrorismus im Lande erklärt worden sind. Es wäre fatal, wenn diese peinlichen Bürschchen das Bild der Öffentlichkeit über den Islam in Deutschland nachdrücklich prägen könnten. In Wirklichkeit sind deutsche Muslime nicht nur aktive Brückenbauer, sondern auch - nicht nur sprachlich - in der Lage, den Islam vorzuleben und die tiefe Faszination des islamischen Lebens für jeden denkenden Menschen anzudeuten. Kulturell bildet sich heute längst, wie schon zuvor auf dem Balkan und in Andalusien, eine neue europäische Dimension des Islam heraus. Das ist keine Bedrohung, sondern: C´est la vie.

Was ist Islam? Das Kulturmissverständnis

Die Frage nach dem Islam ist vielleicht die schwerste und einfachste Frage zugleich. Islam ist mehr als ein Kopftuch tragen oder sich einen Bart wachsen zu lassen. Islam ist auch keine Kultur, sondern eine Lebenspraxis, die sich von dem, was man in der christliche Tradition und Terminologie als Religion bezeichnet, nicht unerheblich unterscheidet. Islam umfasst das Glaubensbekenntnis, dass es keinen Gott gibt außer Allah und der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, Sein Gesandter ist. Viele Europäer kommen so dem Islam übrigens recht nahe, da ihre Feststellung, es gebe keinen Gott, dem ersten Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses entspricht. Der Muslim betet fünfmal am Tag, bezahlt auf die verpflichtende Aufforderung hin seine Zakat, fastet einen Monat lang und reist, wenn er kann, einmal im Leben nach Mekka zur Pilgerreise.

Die wesentlichen Verpflichtungen des Islam kann man also ausführen, egal ob man ein Indianer, ein Eskimo, ein Schwarzer oder Deutscher ist. Glücklicherweise ist dem Islam jede Bevorzugung einer bestimmten Rasse fremd, eine Sicht, deren gelebte Wirklichkeit man jederzeit in Mekka oder Medina erleben kann und die gottlob kein Nationalismus der Welt bisher dahinraffen konnte. Sollten wir Deutsche tatsächlich eine Neigung zur Ausgrenzung des Fremden haben, so therapiert der Islam diese Fehlsicht erfolgreich. Ein deutscher Muslim, endlich ein Weltbürger im Goetheschen Sinne, kann daher so gesehen einen fortschrittlichen Satz sagen: "Es ist altmodisch, kein Muslim zu sein".

Man kann also Muslim sein und Beethoven lieben, Krawatte tragen, den Weimarer Genius schätzen oder einfach gerne auf Rügen spazieren gehen. Selbstredend muss auch die Moschee um die Ecke, soweit es die islamischen Bestimmungen angeht, in der eigenen Heimat nicht wie ein pompöser Sakralbau aus Syrien oder der Türkei aussehen. Wir leben nicht nur im hier und jetzt, wir müssen auch nicht an eine eher schmucklose Industriehalle, die nun als Moschee dient, ein - wie eine stille Klage über eine verlorene Heimat wirkendes - Schild "Kulturzentrum" hängen.

Radikal oder einfach nur korrekt?

Ich weiß. Geht es um den Ruf deutscher Muslime, so geistert hin und wieder die Verschwörungstheorie durchs Land, diese seien besonders radikal oder fanatisch. Ich kann das zumindest für die Muslime, die in Gemeinschaft leben, nicht bestätigen. Die meisten Muslime, die ich kenne sind insoweit "deutsch", als sie gerne korrekt und genau sein wollen. Man kann übrigens auch gar nicht radikal oder modern beten, man kann nur korrekt beten. Das man dabei pünktlich ist, mag typisch deutsch sein, erfüllt aber auch im Islam ein hohes Gut.

Natürlich wird man als neuer Muslim, in der ersten Generation, zunächst herausfinden, was man wirklich praktizieren muss und auch genauso schnell herausfinden, was man nicht muss. In diesem Sinne werfen deutsche Muslime manchen unnötigen Ballast aus dem islamischen Schiff. Man wird aber auch als neuer Muslim fasziniert sein, wenn die Offenbarung den Nerv unserer Zeit trifft, beispielsweise wenn von den islamischen Gesetzlichkeiten der Ökonomie die Rede ist.

Hier geht es um zeitlose Gebote, die sogenannte "moderne" Muslime unter dem Eindruck der Magie der westlichen Expansion wohl etwas vorschnell wegreformieren wollten. Für einen deutschen Muslim, der die Annehmlichkeiten eines der reichsten Länder der Erde genießt, wird naturgemäß die Frage nach ökonomischer Nachhaltigkeit eine gewisse Priorität haben - nicht mehr als logisch in einer Zeit und in einer Region, die ja - in Umkehrung der qur'anischen Sicht - heute den Zins ausdrücklich erlaubt und den Handel, mit der Bevorzugung globaler Monopole, effektiv einschränkt.

Man wird als neuer Muslim überhaupt viele Fragen stellen: Muss man Tee trinken? Muss ich ein Pascha in einer 3-Zimmer-Wohnung sein? Muss ich für das Reich Gottes kämpfen? Insbesondere als deutsche Muslima wird man auch genau hinschauen wollen, wie denn der Prophet mit Frauen umging, wer ihn wirklich stark machte und was der Islam überhaupt in seiner Ganzheit für die Frau bedeutet. Frauen sollten den Islam auch nicht mit der schizophrenen Bürgerlichkeit und dem Mief des säkularisierten Orients der 60er Jahre verwechseln.

Islam denken - Zwischen Technik und Ideologie

Die deutschen Muslime, die leidlich auf drei zählen können, werden aber auch der muslimischen Umma etwas aus ihrem Schatz mitgeben können. Beispielsweise eine Gelassenheit gegenüber der Technik, die eine "islamische" Atombombe nicht etwa als befreiende Machtsteigerung, sondern als versklavenden Irrsinn begreift. Jedem geschichtsbewussten deutschen Muslim wird auch eine natürliche Skepsis gegenüber jeder ideologischen Verblendung, die den Feind nötiger braucht als das Gebet, beinahe angeboren sein. Unsere allgemeine Verachtung, als rechtstreue Bürger, gegenüber Selbstmordattentätern kann man ja auch in dieser Zeitung nachlesen. Ein deutscher Muslim wird aber auch Rainer Maria Rilke zitieren und dessen Erschütterung teilen, dass "die Erde dem Menschen in die Hände gefallen ist".

Zwischen den Extremen - Der gerade Weg

Deutsche Muslime revoltieren nicht etwa gegen unser deutsches Erbe, im Guten wie im Schlechten, sie ziehen einfach nur eine andere Quintessenz daraus. Für deutsche Groß-Intellektuelle, die sich gerne gegen "Kopftuchmädchen" und "Extremfälle aus dem Milieu" positionieren, sind wir deutschen Muslime ernstzunehmendere Sparringspartner. In der islamischen Tradition in der wir denken und leben, habe ich bisher kein islamisches Wissen gefunden, dass meinem von Deutschland geprägten Intellekt oder meinem europäischen Erfahrungen überhaupt widerspricht. Vielleicht auch, weil uns die Identitätskrisen der Immigration erspart geblieben sind, praktizieren wir unseren Islam durch alle Aufregungen hindurch eigentlich ruhig. Es ist der gerade Weg. Deutsche Muslime bleiben den neuen Extremen der Esoterik oder des Extremismus fern, unter deren Eindruck so viele Muslime heute leider stehen.


SZ: "Faust war der erste globale Unternehmer"
Hans Christoph Binswanger auf SZ-Online über Goethes Magie der Wirtschaft

"Die Alchemisten wollten Gold herstellen, es war der große Traum. Mit dem Papiergeld ist dieser Traum in Erfüllung gegangen. Die Ressourcen der Natur sind nicht beliebig steigerbar, das Geld hingegen schon. Unendlicher Reichtum scheint möglich."
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Jean Ziegler: "Der Hass auf den Westen"
Mit leidenschaftlicher Sprache beschreibt Ziegler das Jahrhundertproblem

"In der südlichen Hemisphäre vernichten Epedemien, Hunger, verschmutztes Wasser und durch Elend ausgelöste Bürgerkriege jedes Jahr fast ebenso soviele Menschen wie der zweite Weltkrieg in sechs Jahren". (Jean Ziegler, "Der Hass auf den Westen")

Haiti. Die furchtbare Lage nach den jüngsten Erdbeben, ist heute das große Thema der globalen Medienkarawane. Das politische Chaos der ehemaligen französischen Kolonie hatte - vor dem Ereignis dieser Tage - nur wenige Insider berührt. Ein ganzes Volk ernährte sich schon vor dem Beben, angesichts der durch Spekulation getriebenen Lebensmittelpreise, von Schlammkeksen. Das trostlose Leben in Port-au-Prince beschreibt Jean Ziegler im Epilog seines letzten Buches "Der Hass auf den Westen". Das Schicksal vergessener Völker immer wieder in Erinnerung zu rufen, ist das beachtliche Lebenswerk des Schweizers Ziegler.

Jean Zieglers Bücher sind mehr als nur das literarische Resultat des Windmühlenkampfes eines modernen Don Quijote. Die Beiträge des Genfer Professors sind wichtige Logbücher der menschlichen Katastrophen unserer Zeit. Spätestens seit Ziegler UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung war, ist seine Stimme gegen den globalen Hungerskandal einem breiten Publikum bekannt. Ziegler demaskiert in seinen Reden, Interviews und Büchern nicht nur das strukturelle Unrecht, er führt eine angemessene, weil leidenschaftliche Sprache in Zeiten des "Weltwirtschaftskrieges" ein.

In seinem neuesten Buch erklärt Ziegler den "Hass auf den Westen", der in der Welt jenseits des Wohlstandslimes wächst - aus einer wachsenden Revolte gegen den westlichen Herrschaftsanspruch. Stellvertretend für die westliche Blindheit über die eigene blutige Geschichte jenseits der europäischen Grenzen beschreibt Ziegler den ignoranten Auftritt Sarkozys in Afrika, der dort die - so Sarkozy - fortschrittsfeindliche "Geschichtslosigkeit" der dritten Welt anprangert und sich gleichzeitig weigert, für die blutige französische Geschichte in Afrika - insbesondere in Algerien - sich auch nur zu entschuldigen. Immer mehr Menschen im Süden hören die westliche Rhetorik daher mit wachsendem Widerwillen.

Die aktuellen Machenschaften der Finanzindustrie sieht Ziegler schlicht in der Kontinuität der alten kolonialen Ausbeutung und Sklaverei. Das Urteil Zieglers lässt an Klarheit diesbezüglich nichts zu wünschen übrig: "Aus Sicht der südlichen Völker", schreibt Ziegler bitter, "ist die gegenwärtige globalisierte Ordnung des westlichen Finanzkapitals mit seinen Söldnern der Welthandelsorganisation, des IWF, der Weltbank, den transnationalen Privatunternehmen und der neoliberalen Ideologie das letzte, und bei Weitem mörderischte der Unterdrückungssysteme, die im Laufe der vergangenen fünf Jahrhunderte errichtet wurden."

Die Stärke Zieglers Bücher besteht darin, dass er hinter den Strukturen, den Machenschaften, den Revolten die agierenden Menschen beschreibt und Ihnen auch immer wieder persönlich begegnet. Überall gibt es Akteure, Adressaten und Empfänger für eine andere Denk- und Sichtweise. Die erschütternden Fakten seiner Bücher trägt er zusammen, um dem tragischen Schicksal der Verlierer der vielbesungenen Globalisierung einen Rahmen zu geben. Der Umstand, dass beispielsweise in der größten Demokratie Asiens, in Indien, zwischen 2001 und 2007, mehr als 125.000 Bauern aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben, ist mehr als nur eine nüchterne Statistik.

Am Beispiel Nigeria zeigt Ziegler detailliert das Zusammenspiel von globalem Energiehunger, quasi-souveräner Ölfirmen und ihrer "Partner" in der "dritten Welt". Die Pflege von Verbrechern, die Zerrüttung ganzer Gesellschaften und das Entfachen von Chaos ist dabei akzeptierte Geschäftspolitik. Nur "zerrüttete Politik" schafft die passenden Rahmenbedingungen für die Raubzüge westlicher Firmen. Das westliche Geld etabliert selbst in an sich reichen Ländern für die Menschen vor Ort keinen menschenwürdigen Nomos.

Hoffnung gibt es wenig. Ziegler hat sie dennoch und zeigt am Beispiel des bolivianischen Präsidenten Evo Morales, wie sich ein lateinamerikanisches Volk mühsam politische Souveränität gegen eine strukturelle Fremdherrschaft zurück erkämpft. "Morales", so eine einfache Bolivianerin zu Ziegler, "sei ein armer Mensch wie sie, ein Bauer, der zum verfassungsmäßigen Präsidenten gewählt wurde, Öl und Gas verstaatlicht habe ... und der dem Imperialismus getrotzt habe". Der bolivianische Weg bleibt allerdings steinig und interessierte Dritte gefährden ihn tagtäglich durch die Förderung von Terror, Sezession und Bürgerkrieg.

Zieglers Aufruf an die Menschen, am Schluss seines Buches, sich auf die Werte ihrer Zivilisation, auf Menschenrechte und schließlich auf Reformen zu besinnen, bleibt das große Fragezeichen. In dem Buch fehlt auch an einigen Stellen Klarheit über die entscheidende Rolle des virtuell geschaffenen Geldes und damit eine Grundlage für konkrete politische Forderungen. "Menschheit", möchte man auch anmerken, ist darüber hinaus ein vager Begriff, eher eine virtuelle Wirklichkeit und jedenfalls kein bekanntes politisches Subjekt, das - zudem ohne eine offenbarte Handlungsanweisung - gemeinsam vorangehen könnte.

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