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20.05.2013
Goethe und der Plural
Diese Woche findet in Weimar eine Veranstaltung der Goethe-Gesellschaft, über „Goethe und die Weltreligionen“ statt. Nevad Kermani hat dabei die Ehre, den Hauptvortrag zu halten. Der Titel klingt mit „Gottes Atem. Goethes Religionen” allerdings recht unverbindlich. Mehr noch: Schon der Begriff der „Religion“ – und dazu auch noch im Plural verwendet – könnte darauf hinweisen, dass auch für Kermani Goethes Denken in größtmöglicher Unverbindlichkeit – will heißen, in absoluter Folgenlosigkeit – endet. Man täuscht sich natürlich gerne und hoffentlich wird das gute Stück Kermanis bald veröffentlicht, sodass man Genaueres erfährt.
Die Verwissenschaftlichung des Werkes unseres Jahrhundertgenies ist nichts anderes als die Einteilung seines Denkens, Wirkens und Schaffens in „Bezirke“ – sei es Religion, Wissenschaft oder Politik –, die dann leider oft völlig zusammenhangslos seziert werden. Die Flut der Meinungen über die diversen Gegenstände des Goetheschen Denkens lässt dann jede echte, verbindende Quintessenz unmöglich erscheinen.
Hier passt eine Maxime des Meisters selbst, die – mit Verlaub – über den rein akademischen Anspruch seines Denkens und Wirkens hinausweist: „Es ist nicht genug zu wissen – man muss auch anwenden. Es ist nicht genug zu wollen – man muss auch tun.“
Goethes Anspruch der Einheit von Handeln und Wissen, Glauben und Praxis gerät heute – im Zeitalter der Spezialisierung – gewissermaßen naturgemäß schnell in den Hintergrund und die wahrhaft „gefährliche Begegnung“ mit dem Werk wird damit gerne entschärft. Heute sind es Muslime, die zum Beispiel Goethes Eintreten für ein Geld, das einen innewohnenden Wert hat, und seine Warnung im Faust vor dem Unwesen der „Papiergeldwährung“ ohne Widerspruch in eine alltägliche Lebenspraxis einbetten können. Wer kann heute noch eine Welt ohne Finanztechnologie und ohne Vergötterung der Banken überhaupt noch für möglich halten, ohne auf größte Spiritualität und Glaubenskraft zurückgreifen zu können?
Schon vorab hat der Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft nur eine einzige These – die Annahme Goethe sei sogar ein Muslim gewesen – mit erstaunlichem Ernst bereits vorab – gewissermaßen per „Ordre de Mufti“ – kategorisch verneinen müssen. Kein Zufall. „Der deutsche Nationaldichter, gar ein Muslim?“ – so etwas darf man im elitären Kreis in Weimar schon aus politischer Korrektheit nicht ernsthaft oder ergebnisoffen diskutieren.
Wie immer man übrigens zum Formalismus dieser Frage steht: Als wissenschaftliches Faktum darf man doch wohl zumindest annehmen, dass Goethe kein Christ war. Warum hätte er sich sonst jegliche christliche Symbolik bei der eigenen Trauerfeier verbeten? Goethe hat den Islam nicht toleriert, sondern mindestens respektiert.
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YouTube: Podiumsdiskussion über die Geldfrage
Viele interessante Grundsatzfragen, bis hin zur "Machtfrage"

Eine Veranstaltung der Vereinigung für Ökologische Ökonomie.http://www.voeoe.de/
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„Weg mit dem Zins“ Einladung zu einer anderen Art Dialog.
IZ Buchbesprechung von Malik Özkan

(iz). Die Griechenlandkrise zeigt uns in diesen Tagen die Zerbrechlichkeit des internationalen Finanzsystems. Über Jahre waren die Europäer zwar politisch aufgeklärt, hatten aber gleichzeitig die Irrationalität des Finanzwesens nie sehen wollen. In ökonomischen Fragen herrschte bei den Eliten Bildungsnotstand. Erst in den letzten Jahren wurde den Europäern schlaghaft bewusst, dass das Recht der Banken gigantische Summen aus dem „Nichts“ zu schaffen, die Grundlagen unseres Gemeinwesens gefährdet. Das Problem ist klar, der nationalen Politik fehlt es gegenüber den global vernetzten Banken oft genug an Macht, Fachkompetenz und Unabhängigkeit.
In seinem Handbuch „Weg mit dem Zins“ erinnert IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger an die Kompetenz der Religionen, über eine gerechte Wirtschaftsordnung mitzusprechen. Im Kern sehen oder besser sahen Judentum, Christentum und Islam in der Zinsnahme eines der Kernprobleme ungerechten Wirtschaftens. Eine Sicht, die auch in der griechischen Philosophie zustimmend reflektiert wird und die damit auch zu den Grundlagen der europäischen Wissenschaft gehört. Rieger zeigt in seiner Abhandlung auf, dass dieser Dialog über den Zins heute neue Impulse zwischen Glauben und Denken und interessanten Stoff für das intellektuelle Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslime liefern kann.
Das Zinsproblem an sich - natürlich in klarer Abgrenzung von der ideologischen Pervertierung durch die Nationalsozialisten - bleibt für Muslime eines der Schlüssel für ein tieferes Verständnis unserer Zeit. Rieger zeigt an Beispielen auf, dass insbesondere prominente christliche Denker dieses Problem wieder ernster nehmen. Auf der Grundlage der Vernunft könnte so ein spannendes Gespräch zwischen den Religionen entstehen. Die Zeit drängt, denn ohne den Druck wichtiger zivilgesellschaftlicher Gruppen könnte der Machtkampf zwischen Finanzstruktur und Politik zu Lasten der Politik verlorengehen.
Über ein Jahrzehnt, so führt Rieger aus, schien der Islam nur Teil der Problems zu sein. Jetzt, in der Finanzkrise könnte der Islam als Teil der Lösung wahrgenommen werden. Nach dem zynischen Terror einiger muslimischer Außenseiter ist es Zeit, auch die positiven Seiten des Islam zu betonen. Die Debatte über den Islam berührt immer noch sehr selten seine fundamentalen Inhalte. Das islamische Wirtschaftsrecht wurde bis heute kaum wahrgenommen, ist aber „liberal“ und „moralisch“ zugleich und liefert letztendlich mit seinen Institutionen ein alternatives Wirtschaftsmodell. Die „islamische Bank“ ist dabei allerdings nur eine schlechte Kopie des modernen Bankwesens. In seiner freiheitlichen Wirtschaftsordnung, so Rieger, verkörpert sich auch die Faszination des Islams für den europäischen Intellekt. Muslime müssen heute als Befürworter einer wirklich freien Marktwirtschaft wahrgenommen werden.
Wer sich für Schlüsselpositionen des Islams in dieser Zeit interessiert und an einem intelligenten Dialog der Religionen teilhaben will, sollte dieses kleine Handbuch lesen. Es eröffnet zahlreiche neue Horizonte und gibt wichtige Impulse in der Finanzkrise.
Andreas Rieger, Weg mit dem Zins. Soziale Wirtschaft im Dialog der Religionen. Compact Verlag, Tb 114 Seiten (im IZ Shop erhältlich).
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