04.02.2010
Organisationshoheit

Die Debatte um die "Muslime in Deutschland" ist - wie Daniel Bax in der taz heute zu Recht feststellt - vor allem eine Debatte um die Deutungshoheit. Bestimmen zu können, was der Islam überhaupt oder ein "Islamist" im Speziellen sei oder sogar zu behaupten, dass jeder Muslim es sei, ist natürlich Ausdruck einer starken gesellschaftlichen Machtposition. Der Vorteil der bekannten Islamgegner ist, dass sie - auch als erklärte Außenseiter - in das Zentrum der Massenmedien geschoben werden und dort - nebenbei so in der eigenen intellektuellen Bedeutung überhöht - den Islam mit allerlei Trübem assoziieren können.

Bezeichnend ist für die meisten IslamgegnerInnen, dass es ihnen erfolgreich gelingt, die Wahrnehmung des Islam mit latenter Furcht vor Immigration und Überfremdung einigermaßen subtil zu vermischen. Das Wort "Ausländerfeindlichkeit", dass die Muslime vor dem Rassismus der rechten Flanke schützte, wurde in Deutschland inzwischen abgeschafft. Selbstredend müssen in dieser Logik die "deutschen Muslime" als Abtrünnige und Verwirrte erscheinen. Und bei der den Islam denunzierenden "Gewaltdebatte" über einige muslimische Extremisten in Europa wird das Schicksal der europäischen Muslime auf dem Balkan schlicht vergessen.

Am Ende geht es in der Debatte um das Verhältnis der Mehrheit zur Minderheit. Denn, was wir ja zunehmend erleben - beispielsweise bei der Besetzung von Rundfunkräten, Parlamenten oder Konferenzen - ist die von der Mehrheit organisierte, machtvolle Integration oder manchmal auch bewusste Nicht-Integration der Muslime in die Gesellschaft. Selbstredend findet bis heute keine Debatte über die Verfahrensregeln im Umgang mit der betroffenen Minderheit statt: Warum darf beispielsweise kein einziger Teilnehmer oder Teilnehmerin der Islamkonferenz von den Muslimen selbst frei bestimmt werden?

Hierher gehört auch der mediale Dauerbeschuss, gerne auch auf diejenigen Vertreter des Islam, die wohl in der Lage wären, den intellektuellen Angriffen zu trotzen, aber auch die allgemeine Flucht aus der Öffentlichkeit, die sich bei vielen Muslimen heute beobachten lässt und die man auch weniger romantisch als Folge einer Einschüchterung begreifen könnte. Wer kann es sich auch leisten, ein "Islamist" oder eine "Islamistin" zu sein? Schon so gibt es eine faktische Diskriminierung der Muslime, die man beim Mieten von Sälen, beim Abschluss von Mietverträgen oder die umgreifende Durchsetzung eines de facto Berufsverbotes gegenüber kopftuchtragenden Muslimas erleben kann. Schafft sich so die Mehrheit mit ihren Machtinstrumenten ihre religiös-neutrale Wunschgesellschaft?

Ich habe gerade eine typische Einladung zu einer Konferenz über die Imamausbildung gesehen. Man sieht bei kurzer Durchsicht der aufwendigen Konferenz schnell ein Grundprinzip am Wirken: Das Auswahlverfahren der Redner und Fachleute garantiert bestimmte inhaltliche Mehrheiten und - natürlich zufällig - die Mehrheit der nicht-muslimischen Teilnehmer. Gleichzeitig zeigen leider die ratlosen Räte und Koordinationsgremien der Muslime, dass - zumeist aus durchsichtigen Machterwägungen - man zu keinerlei eigenen Absprachen und Koordinationen - geschweige denn zu alternativen Konferenzen - fähig ist.

Bei dem Vorgang der Integration der Muslime in Deutschland ist somit zunehmend die "Organisationshoheit" die Frage entscheidend: Wer lädt wen ein? Wer wen aus? Wer rückt wen wo ins Zentrum? Das Problem ist klar, wird das Vorhaben der Integration zum Vollzug einer kalten Technik, bestimmt einfach die Mehrheit die Regeln und Inhalte und drängt somit alles an den Rand, was ihr als Mindermeinung nicht genehm ist. Es gibt hoffentlich noch den gesellschaftlichen Konsens, dass die Mehrheit nicht bestimmen kann, woran die Minderheit künftig glauben soll.

WELT Online: "Papiergeld ist ein Experiment"
Barclays Chefvolkswirt Thorsten Polleit über eine neue Konzeption ökonomischer Freiheit

"In einem freien Marktgeldsystem entscheiden die Marktakteure durch Angebot und Nachfrage, was Geld ist. Wahrscheinlich wäre es Gold, vielleicht aber auch Silber, Platin oder Palladium."
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Jean Ziegler: "Der Hass auf den Westen"
Mit leidenschaftlicher Sprache beschreibt Ziegler das Jahrhundertproblem

"In der südlichen Hemisphäre vernichten Epedemien, Hunger, verschmutztes Wasser und durch Elend ausgelöste Bürgerkriege jedes Jahr fast ebenso soviele Menschen wie der zweite Weltkrieg in sechs Jahren". (Jean Ziegler, "Der Hass auf den Westen")

Haiti. Die furchtbare Lage nach den jüngsten Erdbeben, ist heute das große Thema der globalen Medienkarawane. Das politische Chaos der ehemaligen französischen Kolonie hatte - vor dem Ereignis dieser Tage - nur wenige Insider berührt. Ein ganzes Volk ernährte sich schon vor dem Beben, angesichts der durch Spekulation getriebenen Lebensmittelpreise, von Schlammkeksen. Das trostlose Leben in Port-au-Prince beschreibt Jean Ziegler im Epilog seines letzten Buches "Der Hass auf den Westen". Das Schicksal vergessener Völker immer wieder in Erinnerung zu rufen, ist das beachtliche Lebenswerk des Schweizers Ziegler.

Jean Zieglers Bücher sind mehr als nur das literarische Resultat des Windmühlenkampfes eines modernen Don Quijote. Die Beiträge des Genfer Professors sind wichtige Logbücher der menschlichen Katastrophen unserer Zeit. Spätestens seit Ziegler UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung war, ist seine Stimme gegen den globalen Hungerskandal einem breiten Publikum bekannt. Ziegler demaskiert in seinen Reden, Interviews und Büchern nicht nur das strukturelle Unrecht, er führt eine angemessene, weil leidenschaftliche Sprache in Zeiten des "Weltwirtschaftskrieges" ein.

In seinem neuesten Buch erklärt Ziegler den "Hass auf den Westen", der in der Welt jenseits des Wohlstandslimes wächst - aus einer wachsenden Revolte gegen den westlichen Herrschaftsanspruch. Stellvertretend für die westliche Blindheit über die eigene blutige Geschichte jenseits der europäischen Grenzen beschreibt Ziegler den ignoranten Auftritt Sarkozys in Afrika, der dort die - so Sarkozy - fortschrittsfeindliche "Geschichtslosigkeit" der dritten Welt anprangert und sich gleichzeitig weigert, für die blutige französische Geschichte in Afrika - insbesondere in Algerien - sich auch nur zu entschuldigen. Immer mehr Menschen im Süden hören die westliche Rhetorik daher mit wachsendem Widerwillen.

Die aktuellen Machenschaften der Finanzindustrie sieht Ziegler schlicht in der Kontinuität der alten kolonialen Ausbeutung und Sklaverei. Das Urteil Zieglers lässt an Klarheit diesbezüglich nichts zu wünschen übrig: "Aus Sicht der südlichen Völker", schreibt Ziegler bitter, "ist die gegenwärtige globalisierte Ordnung des westlichen Finanzkapitals mit seinen Söldnern der Welthandelsorganisation, des IWF, der Weltbank, den transnationalen Privatunternehmen und der neoliberalen Ideologie das letzte, und bei Weitem mörderischte der Unterdrückungssysteme, die im Laufe der vergangenen fünf Jahrhunderte errichtet wurden."

Die Stärke Zieglers Bücher besteht darin, dass er hinter den Strukturen, den Machenschaften, den Revolten die agierenden Menschen beschreibt und Ihnen auch immer wieder persönlich begegnet. Überall gibt es Akteure, Adressaten und Empfänger für eine andere Denk- und Sichtweise. Die erschütternden Fakten seiner Bücher trägt er zusammen, um dem tragischen Schicksal der Verlierer der vielbesungenen Globalisierung einen Rahmen zu geben. Der Umstand, dass beispielsweise in der größten Demokratie Asiens, in Indien, zwischen 2001 und 2007, mehr als 125.000 Bauern aus Verzweiflung Selbstmord begangen haben, ist mehr als nur eine nüchterne Statistik.

Am Beispiel Nigeria zeigt Ziegler detailliert das Zusammenspiel von globalem Energiehunger, quasi-souveräner Ölfirmen und ihrer "Partner" in der "dritten Welt". Die Pflege von Verbrechern, die Zerrüttung ganzer Gesellschaften und das Entfachen von Chaos ist dabei akzeptierte Geschäftspolitik. Nur "zerrüttete Politik" schafft die passenden Rahmenbedingungen für die Raubzüge westlicher Firmen. Das westliche Geld etabliert selbst in an sich reichen Ländern für die Menschen vor Ort keinen menschenwürdigen Nomos.

Hoffnung gibt es wenig. Ziegler hat sie dennoch und zeigt am Beispiel des bolivianischen Präsidenten Evo Morales, wie sich ein lateinamerikanisches Volk mühsam politische Souveränität gegen eine strukturelle Fremdherrschaft zurück erkämpft. "Morales", so eine einfache Bolivianerin zu Ziegler, "sei ein armer Mensch wie sie, ein Bauer, der zum verfassungsmäßigen Präsidenten gewählt wurde, Öl und Gas verstaatlicht habe ... und der dem Imperialismus getrotzt habe". Der bolivianische Weg bleibt allerdings steinig und interessierte Dritte gefährden ihn tagtäglich durch die Förderung von Terror, Sezession und Bürgerkrieg.

Zieglers Aufruf an die Menschen, am Schluss seines Buches, sich auf die Werte ihrer Zivilisation, auf Menschenrechte und schließlich auf Reformen zu besinnen, bleibt das große Fragezeichen. In dem Buch fehlt auch an einigen Stellen Klarheit über die entscheidende Rolle des virtuell geschaffenen Geldes und damit eine Grundlage für konkrete politische Forderungen. "Menschheit", möchte man auch anmerken, ist darüber hinaus ein vager Begriff, eher eine virtuelle Wirklichkeit und jedenfalls kein bekanntes politisches Subjekt, das - zudem ohne eine offenbarte Handlungsanweisung - gemeinsam vorangehen könnte.

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