26.01.2012
Jubiläum: Klein aber oho

Was wäre unsere Medienlandschaft ohne all die kleinen Zeitungen, ungewöhnlichen Magazine und abseitigen Nischenprodukte? Was wäre die Meinungsfreiheit wert, wenn Minderheiten nicht mehr die Möglichkeiten hätten, sich selbst öffentlich und möglichst professionell darzustellen? Na klar, es würde nicht nur das Salz in der Suppe fehlen, sondern wir hätten bald auch einen ziemlich faden Einheitsbrei. So sehen es zumindest die kleinen Verlage selbst. Es muss also auch weiter kleine Zeitungen geben!

Seit nun 17 Jahren ist eine dieser kleinen Zeitungen, die "Islamische Zeitung", am Markt. Und das ist gut so. Sie gibt uns Muslimen die Möglichkeit, unsere Sicht der Dinge zu erklären. Statt Vorurteile und Verkürzungen gibt es in der "Islamischen Zeitung" den Raum, die Zusammenhänge aufzuzeigen und zumindest anzudeuten, warum eigentlich Millionen von Muslimen im Islam ihre geistige Heimat finden. Es braucht daher ein eigenes Medium. Wer hätte sonst auch so klar formuliert, dass der Islam auch ökonomische Lösungen anbietet, die Lehre nichts mit Selbstmordattentätern zu tun haben will und dass es auch deutsche Muslime gibt?

Bei über drei Millionen Muslimen im Lande sollte also auch eine islamische Zeitung weiter ihre Daseinsberechtigung haben. Aber, man mache sich andererseits keine Illusionen, es ist heute noch schwieriger geworden für die Kleinen zu überleben. Wir als "Islamische Zeitung" legen zudem auf unsere absolute redaktionelle Unabhängigkeit von Dritten wert, wir nehmen deswegen auch gelassen hin, dass der "organisierte" oder "politische" Islam bisher (interessanterweise) kein Interesse an dem wirtschaftlichen Schicksal einer unabhängigen Zeitung für alle Muslime in Deutschland zeigt.

Natürlich bleibt so für die "Islamische Zeitung" das ökonomische Problem bestehen. Man kann sich als Nischenprodukt betriebswirtschaftlich aufstellen wie man will, der Berg der Rechnungen wird immer nur größer. Leider. Auch der komplizierte Vertrieb kann Kummer machen. Der Verkauf an den Kiosken ist teuer und leider ein Zuschussgeschäft. Gute Mitarbeiter im Vertrieb kosten viel Geld. Im Internet gibt es heute die "billige" Konkurrenz hunderter News-Seiten von Profis und Amateuren und - eine regelmäßig erscheinende Abo-Zeitung benötigt eben Abonnenten und davon gibt es immer zu wenige.

Also ein guter Moment, zunächst den Abonnenten zu danken, die uns auch mit kleinen Geldbeuteln die Treue halten. Ohne sie, unsere AbonnentInnen gäbe es keine 200. Ausgabe und ohne einige mehr, unter uns gesagt, wird es auch die 300. Ausgabe bei allem Gottvertrauen wohl eher nicht geben. Wir müssen weiter daran arbeiten, die Zeitung eines Tages als Stiftung oder als Genossenschaft zukunftsfähig zu machen.

Aber, das sind die Sorgen von morgen. Heute freuen wir uns, dass es die Islamische Zeitung als ein unabhängiges Sprachrohr der Muslime in Deutschland überhaupt gibt. Morgen geht die Ausgabe 200 zum Drucker. Wir bemühen uns jedenfalls , trotz einiger dunklen Wolken am Horizont der "kleinen" Zeitungsmacher, weiter ein Qualitätsprodukt auszuliefern. Also eine Zeitung, die lieber differenziert als polemisiert, auf Grundlagen wert legt, den Unterschied zwischen Ideologie und Lebenspraxis begreift und so nicht über jedes Stöckchen zwischen den Polen der Moderne und der Tradition springt.

Ein offenes Medienprojekt eben, mit dem alle diejenigen gut leben können, die die Offenbarung fasziniert, unser Prophet begeistert und mit der Vielfalt der Muslime ganz gut leben können. Gerne ärgern wir auch jeden Monat die Kritiker weiter, die sich viel lieber ein dumpfes Bild der Muslime, die sie sich als religiöse Fanatiker und Ideologen vorstellen, wünschen. Auch dem bekannten Sport, unliebsame Andersdenkende mit der Markierung "Islamismus" aus dem Rennen zu werfen, werden wir als Redaktion mit all unseren intellektuellen Mitteln weiter entgegentreten.

Kurzum die "Islamische Zeitung" ist heute längst Teil der deutschen Kulturlandschaft, gerade auch Dank der vielen Abonnenten, die gar keine Muslime sind.

tageszeitung: "Dieser Verfassungsschutz macht gleichgültig"
Gastbeitrag von Jochen Sindberg in der taz

"Mein vorläufiges Fazit. Erstens: NPD verbieten, auch um den Preis eines relativen Rückzugs von V-Personen und verdeckten Ermittlern. Zweitens: Strafrechtlich relevantes Verhalten mit den rechtsstaatlichen Mitteln bearbeiten und bekämpfen. Das sind die Polizei, die Staatsanwaltschaft und schließlich die Gerichte. Drittens: Eine öffentliche und kritische Diskussion der Erforderlichkeit unserer Verfassungsschutzdienste. Eine stärkere Kontrolle dieser."
alle Links zeigen


„Weg mit dem Zins“ Einladung zu einer anderen Art Dialog.
IZ Buchbesprechung von Malik Özkan

(iz). Die Griechenlandkrise zeigt uns in diesen Tagen die Zerbrechlichkeit des internationalen Finanzsystems. Über Jahre waren die Europäer zwar politisch aufgeklärt, hatten aber gleichzeitig die Irrationalität des Finanzwesens nie sehen wollen. In ökonomischen Fragen herrschte bei den Eliten Bildungsnotstand. Erst in den letzten Jahren wurde den Europäern schlaghaft bewusst, dass das Recht der Banken gigantische Summen aus dem „Nichts“ zu schaffen, die Grundlagen unseres Gemeinwesens gefährdet. Das Problem ist klar, der nationalen Politik fehlt es gegenüber den global vernetzten Banken oft genug an Macht, Fachkompetenz und Unabhängigkeit.

In seinem Handbuch „Weg mit dem Zins“ erinnert IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger an die Kompetenz der Religionen, über eine gerechte Wirtschaftsordnung mitzusprechen. Im Kern sehen oder besser sahen Judentum, Christentum und Islam in der Zinsnahme eines der Kernprobleme ungerechten Wirtschaftens. Eine Sicht, die auch in der griechischen Philosophie zustimmend reflektiert wird und die damit auch zu den Grundlagen der europäischen Wissenschaft gehört. Rieger zeigt in seiner Abhandlung auf, dass dieser Dialog über den Zins heute neue Impulse zwischen Glauben und Denken und interessanten Stoff für das intellektuelle Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslime liefern kann.

Das Zinsproblem an sich - natürlich in klarer Abgrenzung von der ideologischen Pervertierung durch die Nationalsozialisten - bleibt für Muslime eines der Schlüssel für ein tieferes Verständnis unserer Zeit. Rieger zeigt an Beispielen auf, dass insbesondere prominente christliche Denker dieses Problem wieder ernster nehmen. Auf der Grundlage der Vernunft könnte so ein spannendes Gespräch zwischen den Religionen entstehen. Die Zeit drängt, denn ohne den Druck wichtiger zivilgesellschaftlicher Gruppen könnte der Machtkampf zwischen Finanzstruktur und Politik zu Lasten der Politik verlorengehen.

Über ein Jahrzehnt, so führt Rieger aus, schien der Islam nur Teil der Problems zu sein. Jetzt, in der Finanzkrise könnte der Islam als Teil der Lösung wahrgenommen werden. Nach dem zynischen Terror einiger muslimischer Außenseiter ist es Zeit, auch die positiven Seiten des Islam zu betonen. Die Debatte über den Islam berührt immer noch sehr selten seine fundamentalen Inhalte. Das islamische Wirtschaftsrecht wurde bis heute kaum wahrgenommen, ist aber „liberal“ und „moralisch“ zugleich und liefert letztendlich mit seinen Institutionen ein alternatives Wirtschaftsmodell. Die „islamische Bank“ ist dabei allerdings nur eine schlechte Kopie des modernen Bankwesens. In seiner freiheitlichen Wirtschaftsordnung, so Rieger, verkörpert sich auch die Faszination des Islams für den europäischen Intellekt. Muslime müssen heute als Befürworter einer wirklich freien Marktwirtschaft wahrgenommen werden.

Wer sich für Schlüsselpositionen des Islams in dieser Zeit interessiert und an einem intelligenten Dialog der Religionen teilhaben will, sollte dieses kleine Handbuch lesen. Es eröffnet zahlreiche neue Horizonte und gibt wichtige Impulse in der Finanzkrise.

Andreas Rieger, Weg mit dem Zins. Soziale Wirtschaft im Dialog der Religionen. Compact Verlag, Tb 114 Seiten (im IZ Shop erhältlich).

alle Buchempfehlungen zeigen