"Der Worte sind genug gewechselt, Laßt mich auch endlich Taten sehn"Johann Wolfgang von Goethe

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Muslime in Weimar – eine Selbstfindung

Die Muslime in Weimar – ein „Happening“, eine „Provokation“ oder auch eine denkbare Quintessenz ihrer Präsenz in Deutschland?

 

 

 


Aufregung ohne Handlungoptionen. Hilft sie uns weiter?

(iz). Im Oktober 2010 erschien in Frankreich ein Buch mit dem Titel „Empört Euch!“. Das Buch des französischen Widerstandskämpfers und UN-Diplomaten Stephane Hessel wurde auch hierzulande ein Bestseller. Der ­damals 93-jährige Hessel kritisierte in der Schrift mit Vehemenz zahlreiche ­Aspekte gegenwärtiger politischer Entwicklungen, insbesondere in Hinsicht auf die Finanzkrise und deren Folgen, und rief zum politischen Widerstand auf. Mehrere soziale Protestbewegungen, etwa in Spanien (2011/2012), Portugal und Griechenland, berufen sich heute unter anderem auf seine Thesen. Die Kraft der Empörung, die nach dem amerika­nischen Philosophen Emerson „alle Kräfte des Menschen weckt“ sollte die Zivilgesellschaft, im Angesicht globaler ­Konflikte und Herausforderungen aus der Lethargie führen.

Foto: Die Linke, Martin Heinlein via flickr | Lizenz: CC BY 2.0

Über zehn Jahre nach der Veröffentlichung ist das Phänomen der Empörung heute nicht mehr aus dem politischen Alltag zu verdrängen. Sie ist nicht nur ein zeitweiliger, sondern ein dauerhafter Zustand, in dem sich der politisch engagierte Mensch, unabhängig von der Stoßrichtung seiner Überzeugungen, permanent wiederfindet. Die Quellen der Empörung im ­Zeitalter der sozialen Medien sind dabei nahezu unerschöpflich: Man empört sich über die Rodung der Wälder, den Tod von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer, über despotische Regierungen und ­globale Konflikte. Es geht dabei immer wieder ums große Ganze, den Frieden, den Wohlstand, die Gerechtigkeit, die ökologische Zukunft und die Humanität. Gleichzeitig, man könnte auch sagen notwendigerweise, ist die Empörung selbst in die Kritik geraten. Für was steht sie eigentlich, für politische Handlungsoptionen, für die einfache Empathie oder für die Ohnmacht weiter Bevölkerungsteile gegenüber Problemen, die sich kaum noch eindeutig auflösen lassen? „Ich habe auch meine Stunden der Empörung, aber ich verstecke sie, weil ohnmächtige Empörung lächerlich ist“, schrieb der österreichische Dramatiker Johann Nestroy im 19. Jahrhundert noch skeptisch. ­Heute ist die Empörung nicht etwa lächerlich, sondern ein Grundphänomen unserer von Medien bestimmten Zeit. Mit Vorliebe empören wir uns über die Anderen. Die Wirkungen auf den gesellschaftlichen Frieden sind dabei einigermaßen fatal. Das Problem liegt auf der Hand, wer sich als Individuum empört zeigt, hat noch lange keine kollektiven Handlungsoptionen gefunden und beendet ­zudem oft auch die Möglichkeit der Kommunikation als eine Form der Kompromisssuche zur Eindämmung von Konflikten. Inzwischen bilden ganze Gruppen von Empörten unterschiedliche Lager, die im virtuellen Konflikt mi­teinander stehen, ohne sich je zu begegnen und ohne eine Diskussion überhaupt noch für möglich zu halten. Vor einigen Wochen erschien in der „Zeit“ ein Artikel („Empört Euch nicht!“) der Schriftstellerin Susanne Heinrich, der sich kritisch mit dem Begriff auseinandersetzt. Sie erinnerte daran, dass die Empörung grundsätzlich ein Zustand sei, in dem man nicht unbedingt handeln und schon gar keine wichtigen Entscheidungen treffen sollte. Stattdessen gelte es, die Sprache, gerade in den Medien, die zur politischen Er­regung führe, immer wieder kritisch zu analysieren. „Sprache bildet Wirklichkeit nicht nur ab oder übersetzt sie, sie generiert auch Wirklichkeit“, führte sie aus. Wer zum Beispiel die Ankunft von Flüchtlingen mit der Gewaltmetapher „Invasion“ bezeichnet, bereitet letztlich nicht nur den Grund für einen geistigen, sondern auch für den militanten Widerstand vor. Heinrich setzt also auf Debatten, die nicht nur auf Emotionen beruhen und schlägt eine „gewaltfreie Kommunikation“ vor. Sie wurde schon seit Langem in politischen Kontexten eingesetzt, etwa in Krisengesprächen zwischen Israel und Palästina. Dabei geht es um die Frage, wie Äußerungen – egal wie unlogisch, übergriffig, verkorkst oder brutal sie uns vorkommen mögen – sich so hören ­lassen, dass Mensch mit den dahinter ­liegenden Bedürfnissen des anderen in Kontakt kommt? „Ich glaube“, schließt Heinrich, „dass es dafür notwendig wäre, den Kampf um die Deutungshoheit ­aufzugeben. Statt Begriffe zu claimen und zu re-claimen, wünsche ich mir einen offeneren Umgang mit den Fragen, wer wie wofür oder für wen und aus welchen Gründen argumentiert“. Auch wer an die heilende Kraft direkter Kommunikation glaubt, Fakt ist, der Empörung ist heute schwer beizukommen. Warum das so ist, versucht der ­Philosoph Alexander Grau mit seinem Essay „Hypermoral, die neue Lust an der Empörung“ zu erklären. Für Grau ist die Vermischung von politischer Erregung mit moralischem Anspruch das Grundphänomen jeder Empörung. Sie entzieht sich dem rationalen Nachdenken und gibt dem Empörten das Gefühl, ein ­absolutes Recht, das Gute schlechthin, zu vertreten. In dieser Freund-Feind Logik wird der Andere nicht nur zum Andersdenkenden, sondern zum Vertreter des Bösen. Er wird mit allen Mitteln bekämpft. „Damit trägt der grassierende Mora­lismus“, schreibt Grau, „nicht nur zu ­einer intellektuellen Vereinfachung, sondern auch zur extremen Ideologisierung aller möglichen Debatten und Streit­fragen bei“. Der Philosoph provoziert auch mit ­einer weiteren These über die Dominanz des moralischen Anspruches: „Moral ist unsere letzte Religion.“ Hier wirft Grau gerade den Kirchen vor, ihre Religion im Wesentlichen auf Moral reduziert zu haben. Mehr noch, der Moralismus habe sich in einen Hypermoralismus verwandelt, also in die Utopie einer ausschließlich nach rigiden moralischen Normen organisierten Gesellschaft. An dieser Stelle lohnt sich auch für Muslime eine kritische Selbstreflexion. Man wird kaum abstreiten wollen, dass auch wir Muslime, zumindest im poli­tischen Kontext, immer öfter im Zustand der Empörung argumentieren. Wer für oder gegen Erdogan ist, um nur ein ­Beispiel zu nennen, kann immer seltener seine Erregung verbergen und neigt dazu, den jeweils Andersdenkenden unter das Böse oder Gute schlechthin zu subsumieren. Auffallend ist auch die Verbreitung hypermoralischer Positionen, der Vorwurf, man sei angesichts schlimmer Konflikte in aller Welt permanent schuldig, da man nichts tue oder nur zuschaue. Nach dieser fragwürdigen Logik verspricht nur noch eine moralisch rein gedachte Welt und das Jenseits echte Erlösung. Ist auch im Islam das Moralisieren aller Themen so zu einer Art der letzten Religionsausübung geworden? Jedenfalls macht es auch für uns Muslime Sinn, an der Debatte über Sinn und Bedeutung des Empörungsdranges und der Dauerregung nachzudenken. Hierbei sollten wir uns nicht nur um einen kritischen Umgang mit den sozialen Medien kümmern, sondern auch die philosophischen Fragen dahinter zur Kenntnis nehmen. Die Neuzeit versteht sich durch die Erkenntnis, dass die Präsenz eines Gottes, zumindest im Diesseits, fragwürdig geworden ist. In der islamischen Einheitslehre ist diese Philosophie der Abwesenheit Gottes schwer nachzuvollziehen, da die Macht und Präsenz der Göttlichkeit sich uns in allen Phänomen und allen Handlungen zeigt. Die Welt selbst ist ein Gleichnis, dessen Bedeutung immer wieder neu zu finden ist. Das Phänomen des Hypermoralismus, dies zeigt ein schmerzlicher Blick auf den von Muslimen praktizierten Terror, ist dabei ein Denkmodell, das schnell zu einer Ideologie wird, die das „Böse“ aus der Welt vertreiben und die Bösen endgültig ausmerzen will. Natürlich ist und bleibt die Empathie für die islamische Lebenspraxis ein wichtiger Aspekt, Muslime achten moralische Grundregeln und die Sorge um den Anderen. In einer globalisierten Welt geht es aber auch um reale Handlungsoptionen und den konkreten Einsatz für Gerechtigkeit. Wir sollten also vorsichtig werden, wenn ein Moralismus sich verbreitet, der sich seiner ideologischen und philosophischen Herkunft nicht mehr bewusst ist. Vielleicht sollten wir zumindest in dem Maße wie wir uns empören, auch ein Maß der Begeisterung über das Wunder der Schöpfung bewahren. Nur in dieser Balance können Muslime ihren Beitrag zur Lösung der globalen Probleme und ihr Vertrauen auf ein gutes Schicksal überhaupt noch artikulieren. Schlussendlich kommen wir nochmals auf den Text von Stephane Hessel und dessen Bezüge zur Finanzkrise zurück. Vielleicht sollten wir Muslime in diesem Kontext nachdenken, worüber wir uns heute nicht mehr empören. Dass die Zakat in unserem Denken keine Rolle mehr spielt, oder wir die Maximen und Grenzen islamischen Wirtschaftens kaum mehr beachten, spricht dafür, dass wir unsere moralischen Ansprüche inzwischen individualisiert, gleichzeitig aber unsere eigentlichen Lösungsvorschläge für die Krisen dieser Zeit vernachlässigt haben. Die verbreitete Empörung in Echokammern kann über dieses Phänomen nicht hinwegtäuschen.BlogEmpörung1

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Wer ist Mesut Özil?

Das Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden war an Dramatik nicht zu überbieten. Mit seinem genialen Schuss in letzter Minute wendete Toni Kroos zunächst das Ausscheiden der Kicker ab, er erschuf damit gleichzeitig ein geradezu philosophisches Lehrstück.

Foto: Agencia Brasil, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0 br

Ein Ereignis, so schreibt der Philosoph Slavoj Zizek, hat die Macht, die Vergangenheit und die Zukunft völlig neu zu schreiben. Das legendäre Tor schuf plötzlich so ein Momentum, das nicht nur rücklaufend in die Einordnung des Geschehens eingriff, sondern gleichzeitig Team, Trainer und Zuschauer neu erschaffen konnte. Allerdings währte das Glück kurz. Nach dem endgültigen Ausscheiden gegen Südkorea drehte sich der Wind wieder. Der gleiche Toni Kroos gab nun ungewollt die Vorlage zum Gegentor. Die ehemals als selbstbewusst gefeierten Weltmeister wurden nun der Überheblichkeit bezichtigt und in ihrer Heimat endgültig zum Ziel von Spott und Hohn. Niederlage und Sieg, Gewinner und Verlierer, Zerrüttung und Aufbruch hingen auch bei dieser Weltmeisterschaft für die Mannschaft am sprichwörtlichen seidenen Faden. Spiele mit dieser Dramaturgie erklären letztlich aber auch die Faszination, die der Fußball, nicht nur für Deutsche die wichtigste Nebensache der Welt, entfalten kann. Mittendrin – wenn auch im Schwedenspiel nach 26 EM- und WM-Spielen nicht auf dem Spielfeld dabei – war ein genialer Mittelfeldspieler: Mesut Özil. Bundestrainer Joachim Löw ist eigentlich ein bekennender und treuer Fan des Stars, hatte ihn  erstmals auf der Bank sitzen lassen. Nach der verdienten Niederlage gegen die dynamischen Mexikaner hätte der Coach sicher auch jeden anderen der enttäuschenden Mittelfeldspieler austauschen können. Löw entschied sich aus sportlichen Gründen gegen Özil und spaltete mit dieser Entscheidung naturgemäß das Fußballvolk. Nach dem Spiel stellte der Bundestrainer sofort klar, dass er den Mittelfeldstar auch künftig brauche und Özil, mit einem gemeinsamen Bild mit Marco Reus, dass er die sportliche Entscheidung des Teamchefs – mit untadliger sportlicher Einstellung – akzeptierte. Gegen Korea wiederum gab der Trainer Özil wieder eine neue Chance und führte gleichzeitig die Kritik, er stelle die Mannschaft „politisch“ auf, ad absurdum. Nach dem Ausscheiden der Mannschaft sind nun beide, der Trainer und der Spieler, heftiger Kritik unterworfen. Ob es für die Beiden überhaupt gemeinsam weitergeht ist offen. Gerade die Gestalt Mesut Özils zeigt, dass die Wahrheit des Spiels nicht mehr nur auf dem Platz liegt. Längst sind die Fußballer zu einer Projektionsfläche geworden; und Teil eines größeren Spiels um Macht und Geld. Für Spekulationen jenseits der sportlichen Leistung bietet sich Özil aus verschiedenen Gründen besonders an. Der junge Mann, der sich aus einfachen Verhältnissen ins Rampenlicht gearbeitet hat, ist nicht nur zur Werbeikone und zum Millionär geworden. Er ist zudem ein Deutscher mit türkischen Wurzeln, der auch gerade deswegen immer wieder massiv angefeindet wird. Während die Mehrheit der Deutschen ihn als Beispiel gelungener Integration begreift, sieht eine lautstarke Minderheit in ihm das Gegenteil. Dümmliche Kommentare zur Aufstellung des Bundestrainers wie von der AfD-Fraktionsvorsitzenden Weidel („AfD wirkt“) sprechen hier Bände. Unüberhörbar gesellt sich hier eine rassistische Komponente zur Beurteilung seiner Person, der letztlich abgesprochen wird, überhaupt ein echter Deutscher sein zu können. Für diesen Teil der Fangemeinde ist es ausgeschlossen, dass ein deutscher Muslim, der sich nicht scheut, ein Bild seiner Pilgerreise in den sozialen Medien zu verbreiten, selbstbewusst die Nation vertritt. Man ahnte, spätestens wenn man Pfiffe gegen Mesut Özil aus der Menge hörte, dass hier nicht nur der Sport und die Fairness, sondern auch anständiges Verhalten auf dem Spiel steht. Zweifellos spiegelt die Zusammenstellung der Nationalmannschaft heute veränderte gesellschaftliche Verhältnisse wider. Spieler wie Khedira, Rüdiger oder eben Özil erinnern uns daran. Schaut man sich zum Beispiel die Aufstellung der Mannschaft von 1974 an, sieht man die ganze Dynamik der Veränderung. Damals standen elf, sagen wir „bio-deutsche“, Spieler auf dem Platz, die sich als Individualisten verstanden und – nebenbei erwähnt – erst gar nicht auf die Idee kamen, bei der Hymne mitzusingen. Spätestens nach dem WM-Titel 1990 und dem Rausch der deutschen Wiedervereinigung änderten sich die Rolle und die Zusammensetzung der Mannschaft. Die nationale Symbolik wurde wieder wichtiger und die Ansprüche an den Auftritt ebenso. Der Fußball sollte nun auch eine gesellschaftspolitische Aufgabe für ein neues, möglichst harmonisches Deutschlandbild übernehmen. Damit änderten sich auch die Ansprüche an Spieler und Fans. Es ist kein Zufall, dass sich die Kritik an der Figur Mesut Özils immer wieder daran festmacht, dass er die deutsche Hymne nicht mitsingt. Es gehört zur Politisierung, man könnte auch sagen Instrumentalisierung des Spiels, dass diese individuelle Haltung des Spielers nicht mehr akzeptiert, sondern zunehmend von außen interpretiert wird. Er selbst erklärte immer wieder, dass er in diesem Moment ein stilles Gebet spreche, während Teile der Öffentlichkeit unbedingt ein fehlendes Bekenntnis zu „Einigkeit, Recht und Freiheit“ von den unbewegten Lippen ablesen wollen. Spätestens seit einem veröffentlichten Bild, gemeinsam mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan, mitten in der WM-Vorbereitung, kämpft Özil wieder gegen den Eindruck an, seine Haltung zu Deutschland sei nur eine Art Lippenbekenntnis. Natürlich sprangen auch diverse Medien wieder auf diesen Zug auf und versuchen einen Gegensatz zwischen „Halbmond und Schwarz-Rot-Gold“ zu konstruieren. Die Idee, dass Deutschland dem Spieler etwas zu verdanken hat, wurde kaum artikuliert. Ein Phänomen, das mit der fehlenden Anerkennung gegenüber der Lebensleistung von Millionen Immigranten im Land zusammenfällt. Eine der wenigen Ausnahmen war ein Beitrag von Ulf Poschardt in „Die Welt“. „Mit seiner introvertierten Melancholie und seiner existentiellen Sorge im heideggerschen Sinne“, so Poschardt in seiner Reflexion über den Mensch Özil, „ist er deutscher und europäischer als jene Lärm-Patrioten, wie der Sportmensch von der AfD, die ihn jetzt aus dem Team schmeißen wollen“. Es gehört zu den Charaktereigenschaften des introvertierten Özils, dass er die direkte öffentliche Konfrontation eher meidet. Özil schwieg über die ganze Vorrunde und lief auch nach der Niederlage gegen Korea schweigend und enttäuscht an den Medienvertreter vorbei. Man versteht den Mann, der von sich selbst sagt, dass er „deutsch denkt und türkisch fühlt“, tatsächlich nach der Lektüre seiner Biographie „Die Magie des Spiels“ besser. Hier wehrt er sich gegen die üblichen Vorwürfe, die seine Karriere begleiten: Es ginge ihm nur um das Geld, er sei abgehoben und seine Entscheidung für die deutsche Nationalmannschaft sei taktischer Natur. Ein Kapitel zum Thema „türkisch-deutsches Streitobjekt“ und der Kunst, die richtige Entscheidung zu treffen, erklärt in seiner Biographie die diesbezüglich komplizierte Seelenlage. Die Frage, ob Mesut Özil für die deutsche oder türkische Nationalmannschaft auflaufen soll, spaltet bereits 2006 seine ganze Familie. Die von ihm verehrte Mutter ist eher gegen eine Entscheidung für die deutschen Farben, der Vater dafür. Özil muss sich also wirklich entscheiden und läuft schließlich für das deutsche Team auf. Die Entscheidung, zum türkischen Konsulat zu gehen, und den türkischen Pass abzugeben, erforderte Mut und endete dort in einem Spießrutenlauf. Und, auch dies klingt in Özil lange nach und wird heute schnell vergessen, nationalistische Fans greifen ihn an. „Er ist Türke. Er ist kein Deutscher. Wie kann er stolz auf Deutschland sein?“ In diesen Sätzen spürte Özil die Verachtung, die ihm eine Minderheit aus der Türkei damals  für seine Entscheidung entgegenbrachte. Das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, prägt Özil. Allerdings birgt seine fulminante Karriere bald Möglichkeiten, die aus der Enge des deutsch-türkischen Verhältnisses herausführen. Mit dem Wechsel nach Madrid und später nach London wird Mesut Özil zum Weltstar. Er lebt an Orten, wo er als begnadeter Fußballer gefeiert und bewundert wird und sich kaum jemand für das ursprüngliche Dilemma seiner Identität interessiert. Niemand stört sich an seiner Herkunft und Religion, niemand erwartet politische Bekenntnisse. Endlich kann er das tun, was ihm seit den Tagen auf den Bolzplätzen rund um Gelsenkirchen am wichtigsten ist: Fußball spielen. Wer ist also Mesut Özil? Die Beantwortung der Frage stellt sich heute wieder neu, nicht zuletzt für ihn selbst. Europäische Muslime können sich dabei ganz gut in die Gefühlslage Özils versetzen. Die Gestalt des Fußballstars erklärt sich aus verschiedenen Merkmalen: Einer Gemengelage, die sich neben dem sportlichen Genie aus den Aspekten „Muslim, Deutscher und Bürger“ bildet. Als Muslim ist er ein Kosmopolit, der sich auch in Istanbul, Madrid oder London heimisch fühlt. Sein Lebensmittelpunkt liegt noch immer unverkennbar im Ruhrgebiet und er ist – dafür hat er sich nun einmal ausdrücklich entschieden – deutscher Staatsbürger. Vielleicht ist es gerade seine Eigenschaft als Bürger, die ihn und die Öffentlichkeit gleichermaßen fordert. Es gilt für die Öffentlichkeit, jeden Rassismus zurückzuweisen, die ihm die Bürgereigenschaft absprechen will und für Mesut Özil, seiner gesellschaftlichen Verantwortung als Nationalspieler und Vorbild nachzukommen. Um diese selbstgewählte Rolle muss ihn zwar niemand bemitleiden. Sie muss aber immer mit Respekt vor Person und Leistung begleitet werden. Ob er überhaupt noch für Deutschland auflaufen will, muss sich zeigen. Er wird wahrgenommen haben, wie unfair Teile der Presse nach der Schmach von Kasan über ihn berichteten und ihn zum Sündenbock des  Ausscheidens machen wollten. Man kann streiten, ob die Rolle des „spielenden Bürgers“ eine Überforderung ist. Sie wäre es jedenfalls dann, wenn jeder Nationalspieler, unabhängig von seiner Herkunft, einer permanenten Gesinnungsprüfung unterläge. Sport ersetzt nicht Politik. Das Schicksal der deutschen Integrationspolitik entscheidet sich nicht auf dem Rasen, sie basiert nicht auf den undurchschaubaren Zufällen eines Spiels, sondern beruht auf den Entscheidungen in den deutschen Parlamenten.

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Welchen Wert haben all die Umfragen?

Alle Jahre wieder: die Islamdiskussion. Bereits 2006 hatte sich der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble zur Frage des Islam in Deutschland positioniert und eine gesellschaftliche Akzeptanz über das Faktum der Präsenz von Muslimen in Deutschland eingefordert.

Foto: Pixabay.com

Seit damals arbeitet das politische Berlin sich an der theoretischen Frage ab, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht. Der Riss geht heute quer durch die Regierung. Man könnte auch sagen, die künftige Arbeitsteilung im konservativen Teil der Koalition wird klar: Die CDU wirkt in die Mitte, die CSU nach Rechts. Horst Seehofer plant nun die Neuauflage einer paradoxen Islamkonferenz, die über ein Phänomen sprechen soll, das nach seiner Ansicht hier keine Heimat habe. Was sagen die 4-5 Millionen Muslime dazu? Wenig. Einerseits wegen der mangelnden Repräsentation im Parlament, andererseits wegen des aufkommenden Frustes. „Zuhause ist, wo man sich nicht ­erklären muss“, lehrte einst Herder. In diesem Sinne versteht sich das Gefühl der Entfremdung, ein Gefühl, mit dem nun viele Muslime ­umgehen müssen. Es ist unter den aktuellen Bedingungen nicht gelungen, die Definitionshoheit über wesentliche Begriffe der eigenen Lebenspraxis zu erringen. Nach dem Sprachwissenschaftler de Saussure fallen der Signifikant und das Signifikat auseinander – ein Impuls zum Verständnis der allgemeinen Begriffsverwirrung. Diverse Umfragen präsentieren ihre Ergebnisse auf Grundlage der Frage „gehört der Islam zu Deutschland?“. Ihre Technik zeigt allein ihre eigentümliche Sinnlosigkeit. Der Begriff „Islam“ in seiner Bedeutung für die Gesellschaft ist längst ein Ergebnis freier Assoziation. Bedenklich ist dabei, dass die Mehrheit Inhalte definiert, die in größte Erklärungsnot geriete, würde man ­fragen, was Islam oder Deutschland seien. Dennoch sollten wir Muslime nicht unseren Optimismus verlieren. Mehr denn je gilt es, die Stimme zu erheben und öffentlich zu definieren, woran wir glauben. Es mag sein, dass sich das politische Subjekt in bestimmte Echokammern zurückzieht. Wir sollten nicht diesem Beispiel folgen. Vielmehr gilt es jetzt, sich den gesellschaftlichen Herausforderungen zu stellen. Schließlich ist es nicht die Politik allein, die über gesellschaftliche Akzeptanz bestimmt. Im Land der Dichter und Denker sind es auch Philosophen, Schriftsteller und Wissenschaftler, die die kulturelle Wirklichkeit eines Landes bestimmen. Auch im Alltag, im Umfeld unserer Moscheen, am Arbeitsplatz oder an der Universität gilt es, auf ideologische Gewissheiten mit der Gelassenheit des Wissens zu reagieren.

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Es werde Geld!

In den sozialen Medien wird das Unmögliche möglich, das Undenkbare denkbar“ – diese Einsicht von Slavoj Zizek kann man positiv und negativ lesen. Zweifellos erlaubt das Internet eine neue Art der Mobilisierung, die wir mit größtem Argwohn oder aber auch mit Optimismus begleiten können.

Foto: Pxhere.com

Während die gesellschaftspolitische Sorge berechtigt ist, dass sich im virtuellen Raum Verrohung und Ideologisierung breitmachen, zeigen sich auf der anderen Seite auch neue soziale Möglichkeiten, die uns beschäftigen sollten. Der Erfolg von Inter­netseiten wie „Nachbarschaft.net“, die Nachbarn in direkten Austausch bringt, könnten uns Muslimen einen Weg weisen. Hier werden soziale Netzwerke aufgebaut, die eher dezentral und lokal funktionieren und in erster Linie Menschen um Angebot, Nachfrage und Engagement sammeln. Wichtig ist hier weniger die Herkunft oder die Mitgliedschaft in einem x-beliebigen Verein, ­sondern die Sache an sich. Die soziale Dynamik, die hier möglich wird und sich natürlich nicht nur auf die virtuelle Kontaktanbahnung beschränkt, sondern real in das soziale Leben unserer Städte eingreift, ist faszinierend. Das Internet greift so, ob wir wollen oder nicht, in den Kern unserer gewohnten Selbstorganisation ein und verändert den gewohnten hierarchischen Aufbau unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine neue Generation von Nutzern wird ohne die alten, übergeordneten Vermittler direkt miteinander kommunizieren, aber auch miteinander handeln, Darlehen vergeben oder Verträge abschließen. Gerade die Diskussion um Kryptowährungen wie Bitcoin zeigt die ganze revolu­tionäre Kraft, die hinter der technischen Revolution unserer Zeit liegt. Es wird denkbar, dass soziale Netzwerke auch immer mehr staatliche Aufgaben privatisieren und nebenbei staatstragende Monopole, wie zum Beispiel das Hoheitsrecht über die Rahmenbedingungen der Geldschöpfung, auflösen. Das Undenkbare, wie es Zizek formulierte, sogar das Ende des alten Bankensystems, ist heute tatsächlich denkbar geworden. Es ist kein Zufall, dass hier eine scharf geführte Debatte entsteht, die sich letztlich um die Freiheit des Internets dreht. Die staatliche Ordnung selbst wird einerseits seine Rechtshoheit gegenüber der Dynamik der neuen Netzwerke zu bewahren versuchen und andererseits global agierenden Konzernen wie Facebook oder Google entgegentreten müssen, die bereits heute eine neue Macht regenerieren, die der von Staaten längst gleichkommt. Die wohl größte Herausforderung für das ökonomische System liegt wohl in der Möglichkeit, dass Privatleute, Netzwerke, Unternehmen oder Banken neue Zahlungsmittel erfinden. „Es werde Geld!“, diese magische Formel beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Sie wurde – wie schon Goethe in seinem berühmten Münzgutachten reflektierte – eine Art Zauberformel der Neuzeit. Banknoten waren zunächst nur eine Art Quittung für das eingelagerte Gold oder Silber. Das Papiergeldsystem war so zunächst an den intrinsischen Wert von Silber und Gold gebunden, bis es sich im 20. Jahrhundert stufenweise von dieser einschränkenden Koppelung löste. Am 15. August 1971 kündigte Richard Nixon die Golddeckung des Dollars offiziell auf und leitete damit einen epochalen Wandel der Finanzpolitik von Staaten ein. Bis heute streiten die Ökonomen über die Folgen und Wirkungen mehr oder weniger maßloser Geldschöpfung. Die Erfinder des Bitcoins spielen indirekt auf die Geschichte der Geldschöpfung an, denn es handelt sich zwar um eine rein virtuelle Währung, sie ist aber technisch in ihrer Schöpfung begrenzt. Ähnlich wie Gold kann der Bitcoin nur begrenzt „geschürft“ und nicht, wie das Papiergeld, endlos reproduziert werden. Das Protokoll der neuen Währung beinhaltet hier eine wichtige Begrenzung. Es ist mathematisch ausgeschlossen, dass mehr als 21 Millionen Bitcoins entstehen können. Die Kryptowährung eignet sich daher, zumindest aus subjektiver Sicht, als Geld und Zahlungsmittel. Mit dem Bitcoin wird heute nicht nur spekuliert, sondern, wie im „Bitcoin Kiez“ in Berlin, auch in zahlreichen Geschäften eingekauft. Die Bitcoin-Technologie hat noch eine andere Pointe auf Lager. Sie wird nicht durch eine zentrale Stelle geschöpft oder kontrolliert, sondern in einem breiten Netzwerk von Tausenden leistungskräftigen Computern verwaltet, geschöpft und kontrolliert. Dieser Trend könnte theoretisch zu einer dauerhaften Trennung von Finanzwelt und Staat führen. Natürlich provoziert diese Erfindung bereits das finanztechnische Establishment. Gerne werden die Transaktionen im Netzwerk mit den Machenschaften des internationalen Verbrechens, mit Terrorismus oder Geldwäsche assoziiert. Zudem führt die rasante Entwicklung des spekulativen Wertes der virtuellen Währung zur Warnung über einen möglichen Kollaps des Bitcoin-Systems. Ein Anwurf, den Bitcoin Verfechter eher mit Spott kommentieren. „Gilt der Vorwurf, Anleger in eine Schrottwährung einzuführen, nicht längst auch für die etablierten Währungen wie den Euro oder Dollar selbst?“, kommentieren sie süffisant. Hier muss man wissen, dass alleine die Geldmenge im Euroraum im Zeitraum von 1999 bis 2014 von 4.500 Milliarden auf 10.000 Milliarden gestiegen ist. De facto treten bereits Staaten und Banken die Flucht nach vorne an. Sie bieten selbst ihre eigenen Kryptowährungen an. Es entsteht eine komplizierte Lage, die Experten wie der FDP-Politiker Schäffler aber durchaus begrüßen. Sie sehen in der Etablierung verschiedener Zahlungsmittel einen überfälligen Wettbewerb, eine Möglichkeit für die Marktteilnehmer, das beste Geld für ihre Bedürfnisse auszuwählen. Indirekt, so zumindest Schäffler, üben so die Konsumenten Druck auf die staatlichen Zentralbanken aus, die wundersame Geldvermehrung nicht zu übertreiben. Liberal definiert sich hier eine Einstellung, die kein bestimmtes Zahlungsmittel bevorzugen will. Nach dieser Logik ist die freie Wahl des Geldes nichts anderes als ein Ausdruck bürgerlicher Freiheit. Die Hoffnung auf mehr Freiheit im ökonomischen Feld, die sich aus den neuen Technologien ergibt, ist allerdings umstritten, gerade wenn man bedenkt, dass auch autoritäre Staaten wie China, Venezuela oder Russland – nicht gerade zufällig – auf den Zug der Kryptowährungen aufspringen. „Mit der Verschiebung vom libertären Konzept Kryptowährung zum Konzept digitale Staatswährung ließe sich staatliche Kontrollwut in völlig neue Bereiche ausdehnen“, mahnt Sascha Lobo beispielsweise in einer Kolumne auf SPIEGEL-Online. Die Mahnung korrespondiert wiederum, wenn auch auf andere Weise, mit dem Lehrsatz Zizeks. Das Undenkbare, die Schaffung eines kompletten Überwachungsstaats, wird zweifellos mit den neuen Technologien ebenso denkbar. Der Bürger könnte in einer Welt ohne Bargeld aufwachen, die dem Staat ermöglicht, jede einzelne Transaktion zu überwachen und Steuern oder Strafzettel sofort einzuziehen. Es wird also darauf ankommen, wer die Kryptowährungen ins Spiel bringt. Sind es staatliche, kommerziell motivierte Akteure oder eben unabhängige, nicht gewinnorientierte Netzwerke? In der muslimischen Community hat ebenso eine Diskussion begonnen, wie das islamische Wirtschaftsrecht mit dieser Innovation umgehen sollte. Finanzexperten wie Ugurlu Soylu sehen hier vor allem das Problem des fehlenden inneren Wertes des Bitcoins. „Keine echte Alternative“, kommentiert Soylu das Phänomen, dass aus seiner Sicht die Probleme der Spekulation und Blasenbildung systemisch nur auf eine andere Ebene verlagere. Vertreter der Religionsbehörden in der Türkei oder in Saudi-Arabien warnen Muslime vor der Nutzung virtueller Währungen, da sie außerhalb staatlicher Kontrolle agieren und hochspekulativ seien. Warum das letztere Argument aller­dings nicht auch für die etablierten Papiergeldwährungen unserer Zeit gelten soll, wird meist nicht weiter ausgeführt. Tatsächlich verfügte das islamische Wirtschaftssystem ursprünglich über Gold- und Silberwährungen, zumindest bis das Bankensystem auch in der muslimischen Welt Fuß fasste. Inwieweit diese neuen Techniken der Geldschöpfung, die das Papiergeldsystem ermöglicht und heute die Grundlage für ein hochspekulatives Bankensystem ist, in das islamische Recht eingriffen, diskutieren seit der Gründung der „islamischen Banken“ nur noch wenige Gelehrte. Das Phänomen virtueller Zahlungsmittel dürfte der ­Debatte nun aber neuen Schub geben. Denkbar wären auch neue Transfersysteme, die virtuell mit Einheiten operieren, die real durch Gold oder Silber gedeckt sind. Ein Sonderproblem besteht für Muslime zudem in der korrekten Zahlung der Zakat, die nach Meinung wichtiger Rechtsschulen nicht mit Zahlungsversprechen, sondern mit realen Werten zu tilgen ist. Unabhängig davon, wie man das ­Phänomen der Kryptowährungen – aus welcher Sicht auch immer – letztendlich einstuft, die technologische Revolution des Internets wird niemand, der im Hier und Jetzt lebt, stoppen können. Wir ­­werden neue Formen der Organisation erleben, die auf Dauer das alte Bild von Gemeinschaft und Vereinsleben auf den Kopf stellen werden. Dass wir noch nicht dafür bereit sind, zeigt ein Blick auf ­unsere Internetpräsenz. Noch fehlen die muslimischen Angebote, sich auf eine Zeit im Wandel neu und anders, gerade in sozialer und ökonomischer Hinsicht, einzurichten.

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Neue Buchbesprechung


Heimat – was ist gute Nachbarschaft?

In den frühen 1990er Jahren schien es so, als wären die alten ideologischen Abgründe der Geschichte mit der Wiedervereinigung der Deutschen endgültig überwunden. Ein Vierteljahrhundert später treten aber wieder neue und alte Spaltungen offen zu Tage, es sind in erster Linie Bruchlinien zwischen Arm und Reich, aber auch zwischen National und Global. Wer geglaubt hätte, dass Begriffe wie „Heimat“, „Nation“ oder „Leitkultur“ aus der Mode gekommen sind, wird heute eines Besseren belehrt. Sie sind längst wieder im Zentrum neuer Kulturdebatten.

Foto: vjurleit, Pixabay | Lizenz: CC0 Creative Commons

Carl Schmitts Definition, dass der moderne Nihilismus durch die Trennung von „Ordnung und Ortung“ definiert sei, entfaltet heute wieder seine denkerischen Herausforderungen. Während der Siegeszug des Kapitalismus zweifellos die beherrschende Ordnung auf der Welt bildet, sorgen sich immer mehr Menschen um ihre eigene Verortung. In Deutschland ist dabei der alte Streit um das Gewicht nationaler oder weltbürgerlicher Gesinnung neu ausgebrochen. Zahlreiche neue Publikationen drehen sich um die Rolle von Heimat und Identität und indizieren mit der Fragestellung gleichzeitig einen Verlust derselben. Eine interessante und lesenswerte Lektüre ist in diesem Kontext beispielsweise das Buch „Heimat“ von dem Publizisten Christian Schüle. Für den Autor ist „die Frage nach der Heimat die drängendsten Frage unserer Zeit“. Schüle zeigt die Bedeutung von typischen Heimaterfahrungen, die Abgründe der neuen Identitätspolitik und die veränderte Rolle von Heimat im Zeitalter der Technik. Die Flüchtlingskrise im Jahr 2015 stellt dabei nicht nur einen Bruch in der symbolischen Ordnung unserer Zeit dar, sie stellt auch die gewohnten Wertevorstellungen in Frage. Seit diesem Jahr und mit den Bildern massenhafter Flucht, wird der europäische Humanismus auf die Probe gestellt. Es geht um Grundsätzliches: Wo verläuft die Grenze unserer Aufnahmebereitschaft, gibt es eine Obergrenze für Asylsuchende und erlauben wir ein Menschenrecht auf freie Ortswahl? Der radikale Unterschied zwischen dem rechtlosen Flüchtling und dem Status des europäischen Bürgers, zwischen dem, der Recht sucht und demjenigen, der ein Aufenthaltsrecht gewährt, erinnert Schüle, offenbart aber auch diverse Gemeinsamkeiten: „Die beiden so gegensätzlichen Figuren unserer Epoche haben, so scheint es, also etwas Fundamentales gemein: Grenzverlust. Heimatverlust. Identitätsverlust. Beide, Homo sacer und Homo faber, haben ihren Geborgenheitsraum verloren: der eine den physischen, der andere den metaphysischen. Auf je unterschiedliche Weise sind beide auf der Suche nach Heimat in Zeiten permanenter Mobilität.“ Tatsächlich lässt sich die Dynamik des vergangenen Wahlkampfes ohne diesen Aspekt eines populären Gefühls der Heimatlosigkeit nicht verstehen. Es war die sogenannte Alternative für Deutschland, die mit dem Ruf nach nationaler Geborgenheit die etablierten Parteien vor sich her getrieben hat und mit der Forderung nach „Grenzschutz“ das politische Motiv der Auseinandersetzungen lieferte. Im Mittelpunkt standen dabei weniger die systemischen Fragen nach den Fluchtursachen selbst, sondern die Bewältigung der Symptome und Krisen, welche die Realität des globalen Kapitalismus zuverlässig entfaltet. Der konkrete Zustrom von Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen nivelliert dabei auch die alten Seh- und Erfahrungsgewohnheiten und schafft einen Erfahrungsraum, der die Idee von Distanz und Nähe verändert. Das alte Ideal der Besonnenheit im Umgang mit politischen Herausforderungen wird heute durch die sozialen Medien erschwert. Das alte Kommunikationsmodell, Sender sendet Signal an Empfänger, wird durch die Möglichkeiten massenhaft versendeter Botschaften wesentlich verändert. Es geht zunehmend um die Quantität der Meldungen, nicht mehr um ihre Qualität. Es wird um ­Assoziationshoheit gekämpft, insofern, als die Verknüpfung von Bildern mit guten oder schlechten Assoziationen meinungsbildend wird. Gleichzeitig verstärken die neuen Medien die Erfahrung von Konflikten, sie sind potentiell unbegrenzt und sie erreichen jeden Empfänger ganz unabhängig davon, ob er vom Phänomen konkret betroffen ist. Gefragt ist so eine permanente Haltung des Ja oder Nein. Schüle fasst die Wirkung der Massenkommunikation auf den Zustand der Empfänger so zusammen: „Die Schere zwischen Pro und Contra spaltet sich mehr als jene zwischen Arm und Reich. Der Gesinnungsfuror zwingt jeden Einzelnen zur klaren Kante seiner bürgerlichen Selbst-Verortung in Zeiten von Kriegen und Krisen: Auf wessen Seite stehst du, Kamerad?“ Die Politisierung auf algorithmischer Grundlage eines Ja oder Nein, Freund oder Feind, gipfelt in der zunehmenden Tendenz, physische und geistige Heimat alleine in einer Negation, in der Abgrenzung vom Anderen zu gewinnen. Die Rechtspopulisten setzen darüberhinaus darauf, den Zuwanderer, der keine Heimat beanspruchen soll oder darf, auch systematisch auszugrenzen. Die verbreitete Abhandlung der muslimischen Präsenz in Deutschland unter dem Stichwort der „inneren“ Sicherheit, wird insoweit von der AfD abgründig konsequent fortgeführt. Sie läuft unter anderem auf den Begriff einer „islamischen“ Kriminalität hinaus, die sich angeblich aus der Offenbarung ergeben soll und dem nur entrinnt, wer sich nach dieser Logik komplett vom Islam de-assoziiert. Das AfD-Phantasma einer „islamischen“ Zuwanderung begleitet zudem die absurde Vorstellung, dass jede x-beliebige (Straf-)Tat eines Zuwanderers dem Islam direkt zuzurechnen sei. Es ist kein Zufall, dass die Ausgrenzung der muslimischen Präsenz, gerade mit dem Begriff des angeblichen Kampfes um den öffentlichen Raum, dem Heimatraum, einhergeht. Das Phantasma der Burka gilt hier als imaginäres Feindbild, dass die symbolische Ordnung gefährdet, obwohl die reale Gefahr, ausweislich einer Handvoll Burkaträgerinnen in Deutschland, erst mühsam konstruiert werden muss. Die selbsternannten Bewahrer von Heimat, die aus einem Gegensatz, der Abwehr des Fremden, ihre Position entwickeln, müssen daher immer wieder neu behaupten, dass der Fremde potentiell gefährlich und nicht integrierbar sei. Von dem Ausnahmefall ausgehend, dem Straftäter, wir so auf eine Neigung der ganzen Gruppe zum Extrem geschlossen. Selbstverständlich ist auch ein konkreter Beitrag für die Verwirklichung heimatlicher Räume, der so Ausgegrenzten, aus dieser, rechtspopulistischen Sicht undenkbar. Es gehört zu der starken Seite der Bemühungen Schüles um seinen neuen Heimatbegriff, dass er nicht nur die Probleme gescheiterter Integration aufzählt, sondern auch darüber nachdenkt, wie eine neue Heimat, die nicht auf die Fiktion biologischer Unterschiede setzt, funktionieren könnte. Für den Kulturwissenschaftler kommt hier dem in Vergessenheit geratenen Begriff des „Oikos“ eine signifikante Rolle zu: „Der Oikos – worin Ökonomie und Ökologie gleichermaßen begriffen sind, generiert das wichtigste Bindemittel zerfallender Gemeinschaften: das Gefühl der Beteiligung. Das Gefühl zu brauchen und gebraucht zu werden.“ Es geht Schüle also um nichts weniger als die intelligente Einbindung der Flüchtlinge oder Immigranten in die Gemeinschaft, als eines der wichtigsten Zukunftsprojekte unserer Zeit. Im Fall der Muslime in Deutschland also auch darum, nicht nur den sogenannten politischen Islam als ein Feindbild zu pflegen, sondern auch die soziale, ökonomische und kulturelle Kompetenz von Muslimen endlich als einen gesellschaftlichen Zugewinn zu verstehen. Schüle sieht dann auch unter diesem Blickwinkel in den städtebaulichen Konzepten der islamischen Welt, er nennt das Beispiel Istanbul, durchaus etwas, wovon man hier lernen könnte. Hier ergibt sich dann – im Umkehrschluss – gleichzeitig die Frage an die Muslime selbst: Wie verstehen sie eine gute Nachbarschaft, was tragen sie für ihr Stadtviertel bei oder wie konzipieren sie künftig Moscheeanlagen, die auch als soziale Dienstleister für Nichtmuslime gleichermaßen zugänglich und hilfreich sind? Die aktive Aufforderung zur Teilnahme an der Schaffung von neuen heimatlichen Räumen, ist so das Gegenmodell für eine passive Haltung, die sich bei Muslimen ja leider durchaus feststellen lässt, die sich in Form der Flucht in Utopien, einer eigenen nationalistisch angehauchten Identitätspolitik, oder in Zuständen der „inneren Immigration“ zeigt. Es wird wichtig sein, zu verstehen, dass die Erfahrung von Heimatverlust, sei es im Betrieb unserer modernen Städte oder in der Langeweile der Provinz, heute niemanden exklusiv auszeichnet. Hier wird zunächst ganz allgemein ein Gefühl unserer Zeit, unserer condition humaine, an sich beschrieben. Nimmt man das ernst, dann zeigt sich gerade der Umgang mit globaler und grenzenloser Technik als die entscheidende Frage unserer Epoche. Die Idee, man könne sich vor dieser Dynamik einfach hinter Mauern verstecken, zeigt sich dann in dieser Verortung als das, was es ist: eine Phantasie.

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Traditionen der Annäherung

Wer sich eine Auszeit von den trostlos politisierten Debatten rund um den Islam nehmen will, findet dazu eine anregende Gelegenheit zur Erholung in dem neuen Buch von Mathias Enard, „Kompass“. Der Autor erinnert darin an die jahrhundertelange Tradition der Annäherungen zwischen Ost und West („l’orient c’est nous!“). Während der politische Diskurs um die Muslime zunehmend von Gegensätzen bestimmt ist und zu der Konstruktion von unbeweglichen, in Beton gegossenen Identitäten zu führen scheint, sind es die „Orientalisten“, nicht zuletzt Deutsche, die sich von jeher nach fließenden Identitäten und kultureller Einheit sehnen. Der Leser begleitet den Musikwissenschaftler Franz Ritter, der, nach einer niederschmetternden medizinischen Diagnose, eine Nacht lang wach liegt. Ein Leben lang beschäftigte sich Ritter mit der Welt der Anderen, mit Musik und Literatur, nicht zuletzt inspiriert von der Liebe seines Lebens, Sarah, einer Literaturwissenschaftlerin. Ihre gemeinsamen Reisen führten sie zu Intellektuellen der islamischen Welt – nach Damaskus, Istanbul und Teheran. Ritter ist berührt vom Schicksal der Pioniere eines ungewöhnlichen Austausches, wie dem Korrespondenten Leopold Weiss, der mit muslimischen Namen Muhammad Assad heißt. Unter einem Baum in Tübingen – so erinnert sich Ritter bewegt – las er einst über die Quintessenz allen Reisens, die Muhammad Assad darin sah, herauszufinden, was der Sinn des Gebetsrufes sei. Ritter leidet an seiner inneren Zerrissenheit: „Man kann sagen, dass mein spirituelles Leben dasselbe Desaster gewesen ist wie mein Gefühlsleben.“ Es ist die Demut des Nomadenlebens, die Ritter am Islam anzieht und die er an Sarah bewundert; die rastlose Reisende, die er in all den Jahren nur kurz trifft, aber sich stets nach ihr sehnt und an der Unvollkommenheit und Sprachlosigkeit ihrer Liebe verzweifelt. Es ist eine faszinierende Sammlung von Anekdoten, Geschichten und Charakteren, mit der Mathias Enard diesem zeitlosen Thema neues Leben einhaucht. Dabei ignoriert er nicht das Auf und Ab der historischen Begegnungen, die sich gerade in den wechselnden Motivationen der Orientalisten zeigte: „Archäologen wurden zu Spionen, die Sprachwissenschaftler zu Goldschmieden der Propaganda, die Ethnologen zu Sträflingsaufsehern.“ Es wird aber dem Leser dieses wunderbaren Buches klar: Die Suche nach dem Orient ist für den Europäer bis heute nichts anderes als die Frage nach der eigenen Gestalt. Hierzu braucht es den Kompass. Die Schwerkraft der Gewalt und die Mentalität der Verrohung drohen, diese feine Ausrichtungen, die die Wechselwirkungen unser geistiges Leben letztlich ausmachen, zu zerstören.

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Maeterlinck

Die Fülle von Meinungen, Informationen und Gerüchten, das Fernsehen, die Ferndiagnosen, alle Formen der optischen und erkenntnistheoretischen Täuschungen, denen wir immer wieder unterliegen, lassen oft die Frage nach der Eigentlichkeit der menschlichen Situation in Vergessenheit geraten. Deswegen lobe ich mir auch das gute alte Buch, das meist zur Entschleunigung zwingt, maßvoll mit uns korrespondiert und das genaue Hinhören schult.

Foto: Gerschel | gemeinfrei

Seit Jahren steht in meiner Bibliothek ein merkwürdiges Buch des belgischen Schriftstellers Maurice Maeterlinck. Ich hatte mich beim Kauf damals über den Titel des Buches – er handelt von Termiten und Ameisen – gewundert, für das der große Schriftsteller 1911 sogar den Nobelpreis für Literatur erhielt. Dann wurde das Meisterwerk zunächst achtlos weggestellt. Neulich erst habe ich es wirklich gefunden, aufgeschlagen und war sofort in dieser anderen Art der Denk- und Sehschule gefangen. Meisterhaft beschreibt der Dichter das Leben von Termiten, Bienen und Ameisen. Ihre Organisationsformen, die uns an unsere eigenen Bemühungen um die perfekte Ordnung erinnern, kommen ganz ohne politische Ideen aus. Die Wunder der Schöpfung, die sich uns hier klar zeigen, die Rätsel, die diese Millionen Jahre alten Tiere, jenseits des Tagesgeschehens, ansprechen, dürften in jeder Zeit Menschen in den Bann des Geschehens ziehen. Maurice Maeterlinck fragt nach der unsichtbaren Hand, die diese Gemeinwesen in Ordnung hält. Er philosophiert über das Verhältnis der Teile zum Ganzen und sinnt nach der Bedeutung dieser Lebensformen. Der Autor leitet letztlich von diesen Beobachtungen die große Frage nach dem Sinn und der Bedeutung des Schicksals für uns ab. Er erinnert so auch an den Umstand, dass nicht nur wir zu den Anderen, sondern auch zur ganzen Schöpfung in einem inneren Zusammenhang steht. Natürlich ist dieses Buch ein Anstoß, entsprechende Stellen im Koran, die von Bienen und Ameisen handeln, aufzuschlagen. Schließlich führt die Spur auch zur Lebensgeschichte des Propheten Sulaiman, der vom Schöpfer erst die Macht erhielt, nachdem er sich für das Wissen entschied und der auf wundersame Weise mit den Sprachen der Tiere im Kontakt stand. Weder ist Maurice Maeterlinck von den großen Fragen des Menschseins geflüchtet, noch tun wir es, wenn wir uns manchmal von dem Getöse dieser Zeit abwenden und – auf welche Weise auch immer – wieder nach dem eigentlichen Sinn unseres Seins fragen. Was wirklich geschieht, offenbart sich nur, wenn wir die Wendungen des Schicksals in uns und in anderen zu erkennen versuchen.

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Über Michael Lüders' neuen Titel „Wer den Wind sät“

„Was westliche Politik im Orient anrichtet“, erzählt Michael Lüders in seinem neuen Sachbuch über die Lage des Politischen im arabischen Raum. Als unbestechlicher Chronist fasst er die jahrzehntelangen Machenschaften des Westens in der Region klug zusammen. Die Entstehung des modernen Terrors hat für den erfahrenen Journalisten durchaus rationale Gründe, die für ihn mit der jahrzehntelangen Einmischung des Westens in inner-arabische Angelegenheiten zu tun hat. Die jüngere Geschichte dieses Verhältnisses beginnt für Lüders bereits mit dem Staatsstreich gegen den demokratisch gewählten Premierminister Irans, Mossadegh, in den 1950er Jahren. Lüders erzählt, von diesem Ausgangspunkt, eine dramatische Fortsetzungsgeschichte mit wechselnden Freund-Feind Verhältnissen, zahlreichen moralischen Abgründen und militärischen Interventionen. In der jüngeren Geschichte zeigt sich vor allem der Umgang mit der irakischen Diktatur als das entscheidende strategische und humanitäre Debakel. In den 1990er Jahren sterben bereits über eine Million Iraker an den Folgen der Sanktionspolitik, die, nach dem Einmarsch Saddam Husseins in Kuwait, ein Jahrzehnt lang von der UN vollzogen wird. Lüders erinnert auch an diese Zeit, die gerne verdrängt wird – und sieht in der damaligen Strategie eine „bewusste Verelendungspolitik“. Die Zerstörung des irakischen Regimes nach den Anschlägen des 11. Septembers, hinterlässt bekannter Weise am Euphrat, statt einer verlässlichen Ordnung, Chaos und zudem ein Machtvakuum, in dem heute der „Islamische Staat“ wirkt. Der Westen war nicht in der Lage, einen neuen Nomos zu etablieren und so fallen die IS-Milizen und ihre Ideologie dann auch nicht einfach aus dem Himmel. Die Tendenz „gute“ und „böse“ Dschihadisten zu unterscheiden, darin sieht Lüders immer wieder den entscheidenden Hauptfehler der westlichen Einmischungspolitik. Dieser Fehler zeigt sich auch im syrischen Bürgerkrieg. In seinem Verlauf ist dieses humanitäre Debakel, nach der Sicht des Experten, riskant und völlig unberechenbar. Die simple Logik „von gut gegen böse“, möchte Lüders dann auch im komplizierten Falle Syriens nicht einfach gelten lassen. „Rücksicht auf Zivilisten“, so Lüders, „nehmen weder die Kämpfer der ‘Freien Syrischen Armee‘, ebenso wenig wie die des Regimes. Gräueltaten und Wegelagerei sind beiden Seiten vertraut". Über 1.000 kleine und große Gruppen kämpfen in Syrien und erinnern dabei auch uns Muslime schmerzlich an den Verlust jeder Möglichkeit des Konsens. Friedensoptionen waren in Syrien, nach Überzeugung Lüders, von Beginn des Konfliktes an für alle Beteiligten nur unter Einbeziehung der Interessen des Irans und Russland möglich. Der Westen wollte dies aber nie einsehen. Statt eine konkrete Realpolitik zu fördern, ist nun die Zivilbevölkerung tief in einem brutalen Stellvertreterkrieg gefangen. Lüders erinnert in diesem Zusammenhang des destruktiven Bürgerkrieges an einen prophetischen Sinnspruch, der auch in den traditionellen Rechtsschulen des Islam lange reflektiert wurde: „besser ein Jahr Finsternis, als eine Nacht ohne Sultan“. Egal ob in Libyen, Syrien oder im Irak, der Westen schaffe zum Teil, so urteilt Lüders hart und mit Bezugnahme auf die legendäre Allianz des CIA mit arabischen Terroristen in der Zeit des Afghanistankrieges, immer wieder die terroristische Bedrohung selbst. Dahinter sind wiederholt auch profane Interessen erkennbar. Die Kriege im arabischen Raum sind längst Teil einer internationalen Kriegswirtschaft geworden. So hat sich allein der Aktienkurs des größten US-Rüstungskonzerns Lockheed Martin, zwischen Mitte 2010 und Mitte 2014 verdreifacht. Schlechte Aussichten für eine effektive Friedenspolitik, zumal die militärische Lage im „endlosen Krieg“ immer verworrener wird. Der Autor widmet sich natürlich auch einige kluge Seiten lang dem „Islamischen Staat“ und seiner selbsterklärten Mission eines „Kalifats“. Über dessen Zukunft ist sich der Experte nicht ganz sicher. Möglich sind, aus Sicht des Analysten, die Selbstzerfleischung der Milizionäre, die Etablierung eines zweiten Saudi-Arabiens, oder aber auch jahrzehntelanges Chaos ohne irgendeine konkrete Sinngebung. Geopolitisch gibt es also für eine umfassendere Friedensordnung unter den gegebene Bedingungen zunächst keine große Hoffnung. Natürlich stellt sich auch für Lüders die Frage nach der Rolle der muslimischen Zivilgesellschaft in den aktuellen Konflikten. Die Araber wollten Freiheit, ökonomische Gerechtigkeit und Demokratie, bekommen haben sie nun „Sisi und den Islamischen Staat“. Für Lüders ist eine Rolle des gemäßigten politischen Islam eher eine der konstruktiveren ­Optionen. „Wer den Wahabismus, Al-­Qaida, oder den Islamischen Staat geschwächt sehen möchte, tut gut daran, in den Muslimbrüdern eine Alternative zu erkennen“, schreibt Lüders zum ­Beispiel. Auch wenn der Autor zu Recht kritisch aufzeigt, wie die demokratische Regierung Mursi in Ägypten per Coup aus dem Amt gejagt wurde und sich dort eine modernisierte Stasi-Diktatur etabliert hat, bleibt wohl gerade diese These umstritten: Ist der politische Islam Teil der Lösung, oder Teil des Problems? Widerspruch dürfte dabei auch Lüders vorsichtig formulierte Hoffnung auf eine konstruktive Rolle des Iran, oder der Hamas anregen. Während Lüders die Politik Israels mit guten Gründen scharf kritisiert, entgeht ihm ein wenig der Abgrund der selbstmörderischen Strategie der Hamas-Ideologen. Tatsächlich zeigen sich hier auch die Schwächen der etwas einseitig „politisch“ inspirierten Analyse Lüders. Bei seiner Chronik geht er weder auf die profanen ökonomischen Komponenten der „Hungerrevolutionen“ ein, noch auf den für das Verständnis wichtigen historischen Jahrhundertdeal der USA, „Öl gegen Dollar“, welcher die US-Geopolitik jahrzehntelang prägte. Die einseitige Festlegung des Islam auf das Politische, mag so gerade die Lösungspotentiale einer islamischen Zivilgesellschaft verkennen. Ohne die sozialen und ökonomischen Komponenten des Islam, die der politische Islam bisher kaum erkennt, ist die Vision einer gerechten Gesellschaft kaum absehbar. Michael Lüders, Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet, C.H. Beck, März 2015, Taschenbuch, 175 Seiten, ISBN 978-3406677496, Preis: EUR 14,95

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Hintergründe über Sinn und Bedeutung einer Lebenspraxis jenseits der modernen Ideologien. Garantie für den Mittelweg, der Extreme meidet ist eine authentische Lehre. “ btn_text=“Weiterlesen“ btn_link=“http://www.abubakrrieger.de/category/islam/“ btn_style=“default“ btn_size=“normal“ target=“_self“] [/one_third] [one_third] [icon image=“ok“ align=“center“] [hero_unit title=“weimar“ text=“Stadt der deutschen Klassik
Die Stadt Weimar steht für die lange Tradition des Austausches Europas mit dem Islam. Das Werk Goethes gibt uns bis heute zahlreiche Anstöße für das Verständnis jeder ganzheitlichen Lebenspraxis.“ btn_text=“Weiterlesen“ btn_link=“http://www.abubakrrieger.de/category/weimar/“ btn_style=“default“ btn_size=“normal“ target=“_self“] [/one_third] [one_third] [icon image=“ok“ align=“center“] [hero_unit title=“engagement“ text=“Recht und moderne Gesellschaft
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