15.05.2012
Christentum und Geld

Im Grunde braucht es nach wie vor die Mentalität eines Archäologen, um das eigentliche Wesen der islamischen Lebenspraxis freizulegen. Gerade die lautstarken Debatten um die diversen Schattierungen des „politischen Islam“ machen – gerade auch für Nichtmuslime – das Unterfangen herauszufinden was der Islam im Ganzen ist, nicht unbedingt einfacher. Der Islam ist zweifellos mehr als das Gezänk um die Politik. Von seinem Ursprung her dreht sich die Offenbarung zu wesentlichen Teilen um ökonomische Grundüberzeugungen, um soziale Verantwortung und das Zusammenleben in Gemeinschaft. Es sind genau diese Aspekte des Islam – wenn sie denn entfaltet sind –, die auch die Dominanz des Politischen ausschließen.

Es ist kein Zufall, dass die ökonomische Lehre des Islam bisher auf die Idee islamischer Banken reduziert bleibt. Erschwert ist die Sicht auf den Islam zudem durch die verbreitete Verwirrung über einige, den Islam definierenden Begriffe. Benutzen wir hier zum Beispiel einfache Übersetzungen, müssen wir uns an die Einsicht Carl Schmitts erinnern, dass die politische und philosophische Terminologie in unseren Breiten zumeist aus „säkularisierten theologischen Begriffen“ besteht.

Natürlich verändert auch unsere ökonomische Realität die Bedeutung einer Religion. Es kommt zur einer Umkehrung von Werten. Sogar wesentlicher Pfeiler des Islam wie die Zakat verlieren an Bedeutung, während die individuelle Glaubensausübung immer stärker in den Mittelpunkt tritt. Die Individualisierung, die unsere Zeit mit ausmacht, führt dazu, dass viele Muslime ihren Körper – sozusagen als letzte zu haltende Bastion – konsequent „islamisieren“ (Kleider, Bart, Kopftuch), während gleichzeitig die Hegung der Kleinfamilie alle spirituellen und ökonomische Kräfte aufzehrt; auch, weil aus der 3-Zimmer-Wohnung mit Mietbelastung kein Weg zu einer authentischer Gemeinschaft (mit ihren wesentlichen Einrichtungen, also Moschee, Markt und Stiftungen) mehr zu führen scheint. Die Vertretung der Muslime übernehmen zunehmend hauptamtliche Funktionäre.

Kurzum, es ist die Dynamik des Kapitalismus selbst, der – von vielen Muslimen völlig unbemerkt – unsere religiösen Überzeugungen unter dauernden Veränderungsdruck setzt. Unser Verhältnis zum Geld – bei Muslimen könnte man auch sagen, die Ignoranz gegenüber dem Geld – ist ein wichtiger Ausdruck dieses Wandels. Ein interessantes Buch zu diesem Thema hat nun die Professorin Christina von Braun vorgelegt. In „Der Preis des Geldes“ legt sie nicht nur eine faszinierende Kulturgeschichte des Kapitalismus, sondern insbesondere auch unserer Zahlungsmittel, vor.

Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Zeichensprache des Geldes und der Religion. Der Abstraktionsgrad des Geldes – mehr Zeichen als realer Wert – verbindet Von Braun nun explizit mit der Geschichte des Christentums. „Es ist nicht nur der sakrale Ursprung, sondern auch die Zeichenhaftigkeit des nominalistischen Geldes, die das Geld mit dem christlichen Glauben so kompatibel machen“, schreibt die Autorin. Die Idee von Schuld, die das Christentum mit ausmacht, korrespondiert mit der Möglichkeit absoluter Verschuldung durch eine absolut wachsende Geldmenge.

Wie der Historiker Le Goff provoziert auch Christina von Braun mit der These, dass „die Kirche“, vorsichtig ausgedrückt, „kein Hemmnis in der Entwicklung des Kapitalismus war“. 1566 fällt die Katholische Kirche die Entscheidung, dem Vorbild der Kaufleute zu folgen und das Kalenderjahr nicht mit dem Osterfest, sondern mit dem 1. Januar beginnen zu lassen. Die Erfordernisse der modernen Buchhaltung beginnt die Religion langsam zurückzudrängen.

Von Braun präsentiert viele weitere bedenkenswerte Fakten über das Verhältnis von Christentum zum nominalistischem Geld. Je weniger das Papier real wert ist, desto mehr müssen „Glauben“ und „Heilsversprechen“ das Geld – gewissermaßen wie eine Hostie – religiös aufladen. Die Geldsphäre hat so die religiöse Sphäre kontinuierlich in sich aufgezogen. Von Braun zitiert Jochen Hörisch, der zum theologischen Hintergrund des Abendmahls ausführt, dass es sich „bei Brot und Wein, wie bei bei dem Geld um Symbole handelt, die versprechen, dass an ihnen substantiell etwas dran sei“.

Aus diesen Illusionen heraus, weist dann – so von Braun – die „unsichtbare Hand“ der freien Marktwirtschaft (Adam Smith) eine erstaunliche Ähnlichkeit mit der christlichen Lehre einer lenkenden Hand Gottes auf. Banken, Märkte, Versicherungen beanspruchen zunehmend eine allgegenwärtige Macht, die die Religiosität und politische Souveränität des Menschen in Frage stellt. Mit der Flucht ins Private (oder in das Paradies) bestätigt der Mensch dann seine angebliche Ohnmacht gegenüber diesen Verhältnissen.

IZ: „Deutungshoheit des Islam wieder dem Mainstream zurückgeben"
Interview mit Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza

Es sind gelegentlich die Extreme, die Muslime nach Außen, aber auch in der Binnenwahrnehmung bestimmen. Insbesondere wegen der bisherigen Zurückhaltung des Mehrheitsislam schaffen es Kleingruppen oft, dass ihre Sicht der Dinge die Mehrheit dominiert - zum Schaden aller Muslime.
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„Weg mit dem Zins“ Einladung zu einer anderen Art Dialog.
IZ Buchbesprechung von Malik Özkan

(iz). Die Griechenlandkrise zeigt uns in diesen Tagen die Zerbrechlichkeit des internationalen Finanzsystems. Über Jahre waren die Europäer zwar politisch aufgeklärt, hatten aber gleichzeitig die Irrationalität des Finanzwesens nie sehen wollen. In ökonomischen Fragen herrschte bei den Eliten Bildungsnotstand. Erst in den letzten Jahren wurde den Europäern schlaghaft bewusst, dass das Recht der Banken gigantische Summen aus dem „Nichts“ zu schaffen, die Grundlagen unseres Gemeinwesens gefährdet. Das Problem ist klar, der nationalen Politik fehlt es gegenüber den global vernetzten Banken oft genug an Macht, Fachkompetenz und Unabhängigkeit.

In seinem Handbuch „Weg mit dem Zins“ erinnert IZ-Herausgeber Abu Bakr Rieger an die Kompetenz der Religionen, über eine gerechte Wirtschaftsordnung mitzusprechen. Im Kern sehen oder besser sahen Judentum, Christentum und Islam in der Zinsnahme eines der Kernprobleme ungerechten Wirtschaftens. Eine Sicht, die auch in der griechischen Philosophie zustimmend reflektiert wird und die damit auch zu den Grundlagen der europäischen Wissenschaft gehört. Rieger zeigt in seiner Abhandlung auf, dass dieser Dialog über den Zins heute neue Impulse zwischen Glauben und Denken und interessanten Stoff für das intellektuelle Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslime liefern kann.

Das Zinsproblem an sich - natürlich in klarer Abgrenzung von der ideologischen Pervertierung durch die Nationalsozialisten - bleibt für Muslime eines der Schlüssel für ein tieferes Verständnis unserer Zeit. Rieger zeigt an Beispielen auf, dass insbesondere prominente christliche Denker dieses Problem wieder ernster nehmen. Auf der Grundlage der Vernunft könnte so ein spannendes Gespräch zwischen den Religionen entstehen. Die Zeit drängt, denn ohne den Druck wichtiger zivilgesellschaftlicher Gruppen könnte der Machtkampf zwischen Finanzstruktur und Politik zu Lasten der Politik verlorengehen.

Über ein Jahrzehnt, so führt Rieger aus, schien der Islam nur Teil der Problems zu sein. Jetzt, in der Finanzkrise könnte der Islam als Teil der Lösung wahrgenommen werden. Nach dem zynischen Terror einiger muslimischer Außenseiter ist es Zeit, auch die positiven Seiten des Islam zu betonen. Die Debatte über den Islam berührt immer noch sehr selten seine fundamentalen Inhalte. Das islamische Wirtschaftsrecht wurde bis heute kaum wahrgenommen, ist aber „liberal“ und „moralisch“ zugleich und liefert letztendlich mit seinen Institutionen ein alternatives Wirtschaftsmodell. Die „islamische Bank“ ist dabei allerdings nur eine schlechte Kopie des modernen Bankwesens. In seiner freiheitlichen Wirtschaftsordnung, so Rieger, verkörpert sich auch die Faszination des Islams für den europäischen Intellekt. Muslime müssen heute als Befürworter einer wirklich freien Marktwirtschaft wahrgenommen werden.

Wer sich für Schlüsselpositionen des Islams in dieser Zeit interessiert und an einem intelligenten Dialog der Religionen teilhaben will, sollte dieses kleine Handbuch lesen. Es eröffnet zahlreiche neue Horizonte und gibt wichtige Impulse in der Finanzkrise.

Andreas Rieger, Weg mit dem Zins. Soziale Wirtschaft im Dialog der Religionen. Compact Verlag, Tb 114 Seiten (im IZ Shop erhältlich).

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