Muslime, eine Störung im System?

Muslime, eine Störung im System?

Muslime, eine Störung im System?

(iz). Die aktuelle Polarisierung der Gesellschaft geht einher mit einem neuen „Unbehagen in der Kultur“, bis hin zur Frage, ob die derzeitige Stimmung an ungute geschichtliche Erfahrungen der Deutschen erinnert. Zwar wiederholt sich, wie man weiß, die Geschichte nicht, wohl aber die alten Fragen. „Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kultur­entwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den mensch­lichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden“, schrieb Sigmund Freud im Jahre 1930.

Foto: Pixnio, Public Domain

Die mögliche Selbstvernichtung der Menschheit, angesichts der systematischen Krise des Kapitalismus, die sich zumindest in ökologischer und ökonomischer Hinsicht deutlich zeigt, geht heute einher mit Sorgen um das Aggressionspotential von muslimischen Terroristen und Faschisten. Die Lage mündet heute in Debatten über eine neue Kultur, die das Eigene mit dem Fremden, die Tradition mit der Moderne versöhnt, und dadurch etwas wie einen Grundkonsens in der Gesellschaft ermöglicht. Das Thema wird begleitet mit Diskussionen über die künftige Rolle der Religion.

Fjodor Dostojewski hatte mit seinem berühmten verstörenden Satz „ohne Gott ist alles erlaubt“ die Grundfrage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer verbindlichen, allgemeinen Ethik im ­Säkularen angesprochen. Der slowenische Philosoph Slavoj Zizek verknüpfte das so berühmte wie fragwürdige Postulat unlängst mit einer anderen Einsicht. Das Paradox, so Zizek, sei heute eher, dass ohne Gott alles verboten sei.

Der Denker spielt dabei auf den Trend in der heutigen Gesellschaft an, das grenzenlose Genießen absolut zu setzen, allerdings einhergehend mit unzähligen Verboten und Einschränkungen. Und er sieht in den unseligen Handlungen der ISIS-Partisanen eine weitere Umkehrung des ursprünglichen Lehrsatzes des Dichters. Sie, so Zizek, hätten mit ihrer ­ideologischen Umsetzung ihrer religiös-wahnhaften Mission gezeigt, dass gerade für sie alles erlaubt sei.

Zweifellos symbolisiert heute das Reale des 11. Septembers die ultimative Störung in unserer gewohnten öffentlichen Ordnung. Die radikale Politisierung einer muslimischen Minderheit hatte als Gegenreaktion zur Folge, dass der Islam und die Muslime vor allem aus politischen Maßstäben heraus reflektiert worden sind. Dieses Phänomen wirkt bis heute in allen Debatten über die Muslime nach. Der sogenannte politische Islam gilt dabei nach wie vor als Hauptstörung in der ­politischen Ordnung unserer Zeit.

Auf der Ebene der kritischen Selbstreflexion muss man hier vorab eingestehen, dass die Abrechnung mit den Ergebnissen der Politisierung der Muslime bisher in den muslimischen Köpfen eher verdrängt wurde. Zweifellos hat der berüchtigte politische Kampf, der unter quasi-religiösen Vorzeichen geführt wurde, bisher in ­erster Linie Terrorismus oder Ideologien, Diktatur und Bürgerkrieg hervorgebracht. Viele Muslime scheuen sich noch davor, gerade die religiöse Bedeutung dieser Niederlagen einzuschätzen und nicht etwa den imaginären Feind – wer immer es sei – für das eigene Versagen zu bemühen.

Auf der anderen Seite bietet sich eine andere Form des politischen Islam an, die gesellschaftliche Verunsicherung, die durch die Minderheit der radikalen Muslime entstanden ist, zu beheben. Ihre Vorstellung von liberalen Muslimen soll sich dadurch auszeichnen, dass die islami­sche Lebenspraxis nicht mehr stört. Das heißt, dass derartige Glaubensausübung – soweit sie überhaupt noch praktiziert wird – den eigenen Anspruch auf Wahrheit und Vollzug relativiert. Diese gehegte Praxis soll sich dann in Harmonie mit den anderen Religionen, die ebenso den politischen Anspruch abgelegt haben, wiederfinden.

Die Tragik dieser politischen Dialektik zwischen liberalen und konservativen Muslimen ist, die Möglichkeit der Harmonisierung konservativer und liberaler Aspekte des muslimischen Lebens unmöglich erscheinen zu lassen. Nicht zuletzt zeigt sich dies dadurch, dass das reale Geschehen unserer Zeit, rücklaufend, mit völlig konträren Interpretationen der Geschichte des Islam verknüpft wird. Sie wird immer wieder neu geschrieben. Im Extremfall erscheint sie als eine Deutung, die das historische Wirken des Propheten für das Entstehen einer islamischen Ideologie, zumindest als eine Möglichkeit in der Neuzeit, einfach kausal setzt. Natürlich verkennt diese Sicht, dass der Islam kein geschichtlich handelndes Subjekt ist und die Verbreitung der Praxis durch Muslime – je nach Situation und Verortung – von jeher völlig unterschiedliche Dimensionen angenommen hat.

Das entscheidende Problem ist hier weiterhin, dass der politische Diskurs andere Formen – man könnte sagen, der konstruktiven Störung durch die islamische Offenbarung in das westliche Erkenntnisverfahren – nicht mehr zu schätzen weiß. Vorlagen für eine andere Form des Dialogs gibt es hier zahlreiche: Philosophisch bekennt der Islam eine Einheit, die der Trinitätslehre des Christentums widerspricht. Ökonomisch führt das islamische Wirtschaftsrecht eine Mäßigung des Kapitals ein. Sozial erlaubt der Islam gerade die parallele, vollständige Entfaltung anderer Glaubensüberzeugungen. Über Jahrhunderte bestand hier ein so tiefes, wie thematisch vielfältiges Interesse an einem inhaltlichen Dialog mit dem Islam.

Zum Positiven der Begegnung Europas mit dem Islam gehört heute durchaus die Neugestaltung eines öffentlichen Kommunikationsraumes. Über viele Jahre hatten die Kommunen die Störung durch sakrale Bauten vermieden, indem sie diese in die Gewerbegebiete unserer Städte verlagerten. Heute aber wird die moderne Moscheeanlage gerade als ein Ort sozialer Dienstleistungen in vielen Städten durchaus bereits als eine Bereicherung angesehen. Die These der Islamisierung unserer Städte durch eine muslimische Infrastruktur setzt hier allerdings einen ideolo­gischen Gegenpunkt. Sie schürt das irra­tionale Misstrauen gegen die transzendente Ausrichtung der Muslime und ist mit Logik kaum aufzulösen. Paradoxerweise soll sich die absolute Mehrheit der Bevölkerung vor der Unterwerfung durch eine kleine Minderheit fürchten.

Im Grunde gipfelt die bewusst hysterisch geführte Debatte in der Frage, ob Offenbarungen – sei es die Bibel, die Thora oder der Qur’an – den Erfordernissen bestimmter politischer Korrektheit entsprechen. Wer sich auf eine Offenbarung bezieht, nimmt ja eine Gestalt an, die dem Typus des vollständig integrierten Bürgers in das System grundsätzlich nie ganz entspricht. Wer nun von einem geschlossenen säkularen System ausgeht – ein Bild, das unser Grundgesetz übrigens nicht teilt –, wird in der Glaubensausübung immer eine Form der Störung sehen. Hier mag man sich an das Bonmot Goethes erinnern: „Die Natur sei aber kein System.“

Gerade hier liegt aber auch der Abgrund muslimischer Ideologie, welche die symbolische Ordnung des Islam real in ein starres System übersetzen will. Bezeichnenderweise werden diese Manifestationen einer ideologischen Schreckensherrschaft zu Recht als gottlos empfunden. So wird gerne übersehen, dass hier sozialisierte Muslime, gerade aus unserer geschichtlichen Erfahrung heraus, durchaus gegen „Ismen“ aller Art sensibilisiert sind. Jenseits der angeblichen, politischen Konfrontation liberaler und konservativer Muslime, besteht hier ein wichtiger Konsens, auf Grundlage der Vernunft.

Es sollte jedenfalls, für eine neue Bewe­gung der Muslime, im Diskurs mit den Anderen, von größtem Interesse sein, zu verstehen, warum wir stören oder gar Unbehagen auslösen. Kehren wir zur Aussage Freuds zurück, müssen wir also einerseits klären, wie wir mit dem Aggres­sionstrieb einiger Muslime umzugehen gedenken und anderseits formulieren, worin genau der Beitrag des Islam gegenüber dem vorhandenen Selbstvernichtungstrieb des Menschen besteht.

Unter diesem Blickwinkel fällt auf, dass die Politisierung des Islam, insbesondere auch für uns Muslime selbst, im Sinne einer fatalen Einschränkung an der Beantwortung der hier aufgeworfenen Fragen scheitert. Vielleicht, ist es auch für die Gesellschaft selbst fragwürdig, zumindest für den Teil, der gemeinsam nach konstruktiven Lösungen sucht, ­warum der politisch definierte Muslim schnell in das Dilemma des Entweder-Oder gerät, als könne er nur das System entweder absolut bejahen oder verneinen. Hier führen nur neue Denkwege aus dem Dickicht des Politischen.

Es gilt dabei, die thematische Vielfalt der islamischen Lebenspraxis neu zu artikulieren. Unser eigener Beitrag sieht sich in diesem Sinne nicht als Teil einer Revolution, eher aber als Beitrag zur Evolution, im Sinne einer offenen Neubestimmung gesellschaftlicher Entwicklungen. „Jede soziale Störung ist nur das Suchen einer neuen, besseren Ordnung“, schrieb einst der Jurist Rudolf von ­Jhering. Dass Muslime diese Suche mit eigenen Beiträgen bereichern könnten, sollte nicht nur als Skandal, sondern als Zeichen eines neuen Konstruktivismus begriffen werden. Man könnte es auch so formulieren – nicht jede Form der ­Störung ist notwendig destruktiv.

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