Es werde Geld!

Es werde Geld!

Es werde Geld!

In den sozialen Medien wird das Unmögliche möglich, das Undenkbare denkbar“ – diese Einsicht von Slavoj Zizek kann man positiv und negativ lesen. Zweifellos erlaubt das Internet eine neue Art der Mobilisierung, die wir mit größtem Argwohn oder aber auch mit Optimismus begleiten können.

Foto: Pxhere.com

Während die gesellschaftspolitische Sorge berechtigt ist, dass sich im virtuellen Raum Verrohung und Ideologisierung breitmachen, zeigen sich auf der anderen Seite auch neue soziale Möglichkeiten, die uns beschäftigen sollten. Der Erfolg von Inter­netseiten wie „Nachbarschaft.net“, die Nachbarn in direkten Austausch bringt, könnten uns Muslimen einen Weg weisen. Hier werden soziale Netzwerke aufgebaut, die eher dezentral und lokal funktionieren und in erster Linie Menschen um Angebot, Nachfrage und Engagement sammeln. Wichtig ist hier weniger die Herkunft oder die Mitgliedschaft in einem x-beliebigen Verein, ­sondern die Sache an sich. Die soziale Dynamik, die hier möglich wird und sich natürlich nicht nur auf die virtuelle Kontaktanbahnung beschränkt, sondern real in das soziale Leben unserer Städte eingreift, ist faszinierend.

Das Internet greift so, ob wir wollen oder nicht, in den Kern unserer gewohnten Selbstorganisation ein und verändert den gewohnten hierarchischen Aufbau unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Eine neue Generation von Nutzern wird ohne die alten, übergeordneten Vermittler direkt miteinander kommunizieren, aber auch miteinander handeln, Darlehen vergeben oder Verträge abschließen.

Gerade die Diskussion um Kryptowährungen wie Bitcoin zeigt die ganze revolu­tionäre Kraft, die hinter der technischen Revolution unserer Zeit liegt. Es wird denkbar, dass soziale Netzwerke auch immer mehr staatliche Aufgaben privatisieren und nebenbei staatstragende Monopole, wie zum Beispiel das Hoheitsrecht über die Rahmenbedingungen der Geldschöpfung, auflösen.

Das Undenkbare, wie es Zizek formulierte, sogar das Ende des alten Bankensystems, ist heute tatsächlich denkbar geworden. Es ist kein Zufall, dass hier eine scharf geführte Debatte entsteht, die sich letztlich um die Freiheit des Internets dreht. Die staatliche Ordnung selbst wird einerseits seine Rechtshoheit gegenüber der Dynamik der neuen Netzwerke zu bewahren versuchen und andererseits global agierenden Konzernen wie Facebook oder Google entgegentreten müssen, die bereits heute eine neue Macht regenerieren, die der von Staaten längst gleichkommt. Die wohl größte Herausforderung für das ökonomische System liegt wohl in der Möglichkeit, dass Privatleute, Netzwerke, Unternehmen oder Banken neue Zahlungsmittel erfinden.

„Es werde Geld!“, diese magische Formel beschäftigt die Menschheit seit Jahrhunderten. Sie wurde – wie schon Goethe in seinem berühmten Münzgutachten reflektierte – eine Art Zauberformel der Neuzeit. Banknoten waren zunächst nur eine Art Quittung für das eingelagerte Gold oder Silber. Das Papiergeldsystem war so zunächst an den intrinsischen Wert von Silber und Gold gebunden, bis es sich im 20. Jahrhundert stufenweise von dieser einschränkenden Koppelung löste. Am 15. August 1971 kündigte Richard Nixon die Golddeckung des Dollars offiziell auf und leitete damit einen epochalen Wandel der Finanzpolitik von Staaten ein. Bis heute streiten die Ökonomen über die Folgen und Wirkungen mehr oder weniger maßloser Geldschöpfung.

Die Erfinder des Bitcoins spielen indirekt auf die Geschichte der Geldschöpfung an, denn es handelt sich zwar um eine rein virtuelle Währung, sie ist aber technisch in ihrer Schöpfung begrenzt. Ähnlich wie Gold kann der Bitcoin nur begrenzt „geschürft“ und nicht, wie das Papiergeld, endlos reproduziert werden. Das Protokoll der neuen Währung beinhaltet hier eine wichtige Begrenzung. Es ist mathematisch ausgeschlossen, dass mehr als 21 Millionen Bitcoins entstehen können. Die Kryptowährung eignet sich daher, zumindest aus subjektiver Sicht, als Geld und Zahlungsmittel. Mit dem Bitcoin wird heute nicht nur spekuliert, sondern, wie im „Bitcoin Kiez“ in Berlin, auch in zahlreichen Geschäften eingekauft.

Die Bitcoin-Technologie hat noch eine andere Pointe auf Lager. Sie wird nicht durch eine zentrale Stelle geschöpft oder kontrolliert, sondern in einem breiten Netzwerk von Tausenden leistungskräftigen Computern verwaltet, geschöpft und kontrolliert. Dieser Trend könnte theoretisch zu einer dauerhaften Trennung von Finanzwelt und Staat führen. Natürlich provoziert diese Erfindung bereits das finanztechnische Establishment. Gerne werden die Transaktionen im Netzwerk mit den Machenschaften des internationalen Verbrechens, mit Terrorismus oder Geldwäsche assoziiert. Zudem führt die rasante Entwicklung des spekulativen Wertes der virtuellen Währung zur Warnung über einen möglichen Kollaps des Bitcoin-Systems. Ein Anwurf, den Bitcoin Verfechter eher mit Spott kommentieren. „Gilt der Vorwurf, Anleger in eine Schrottwährung einzuführen, nicht längst auch für die etablierten Währungen wie den Euro oder Dollar selbst?“, kommentieren sie süffisant. Hier muss man wissen, dass alleine die Geldmenge im Euroraum im Zeitraum von 1999 bis 2014 von 4.500 Milliarden auf 10.000 Milliarden gestiegen ist.

De facto treten bereits Staaten und Banken die Flucht nach vorne an. Sie bieten selbst ihre eigenen Kryptowährungen an. Es entsteht eine komplizierte Lage, die Experten wie der FDP-Politiker Schäffler aber durchaus begrüßen. Sie sehen in der Etablierung verschiedener Zahlungsmittel einen überfälligen Wettbewerb, eine Möglichkeit für die Marktteilnehmer, das beste Geld für ihre Bedürfnisse auszuwählen. Indirekt, so zumindest Schäffler, üben so die Konsumenten Druck auf die staatlichen Zentralbanken aus, die wundersame Geldvermehrung nicht zu übertreiben. Liberal definiert sich hier eine Einstellung, die kein bestimmtes Zahlungsmittel bevorzugen will. Nach dieser Logik ist die freie Wahl des Geldes nichts anderes als ein Ausdruck bürgerlicher Freiheit.

Die Hoffnung auf mehr Freiheit im ökonomischen Feld, die sich aus den neuen Technologien ergibt, ist allerdings umstritten, gerade wenn man bedenkt, dass auch autoritäre Staaten wie China, Venezuela oder Russland – nicht gerade zufällig – auf den Zug der Kryptowährungen aufspringen. „Mit der Verschiebung vom libertären Konzept Kryptowährung zum Konzept digitale Staatswährung ließe sich staatliche Kontrollwut in völlig neue Bereiche ausdehnen“, mahnt Sascha Lobo beispielsweise in einer Kolumne auf SPIEGEL-Online. Die Mahnung korrespondiert wiederum, wenn auch auf andere Weise, mit dem Lehrsatz Zizeks. Das Undenkbare, die Schaffung eines kompletten Überwachungsstaats, wird zweifellos mit den neuen Technologien ebenso denkbar. Der Bürger könnte in einer Welt ohne Bargeld aufwachen, die dem Staat ermöglicht, jede einzelne Transaktion zu überwachen und Steuern oder Strafzettel sofort einzuziehen. Es wird also darauf ankommen, wer die Kryptowährungen ins Spiel bringt. Sind es staatliche, kommerziell motivierte Akteure oder eben unabhängige, nicht gewinnorientierte Netzwerke?

In der muslimischen Community hat ebenso eine Diskussion begonnen, wie das islamische Wirtschaftsrecht mit dieser Innovation umgehen sollte. Finanzexperten wie Ugurlu Soylu sehen hier vor allem das Problem des fehlenden inneren Wertes des Bitcoins. „Keine echte Alternative“, kommentiert Soylu das Phänomen, dass aus seiner Sicht die Probleme der Spekulation und Blasenbildung systemisch nur auf eine andere Ebene verlagere. Vertreter der Religionsbehörden in der Türkei oder in Saudi-Arabien warnen Muslime vor der Nutzung virtueller Währungen, da sie außerhalb staatlicher Kontrolle agieren und hochspekulativ seien. Warum das letztere Argument aller­dings nicht auch für die etablierten Papiergeldwährungen unserer Zeit gelten soll, wird meist nicht weiter ausgeführt.

Tatsächlich verfügte das islamische Wirtschaftssystem ursprünglich über Gold- und Silberwährungen, zumindest bis das Bankensystem auch in der muslimischen Welt Fuß fasste. Inwieweit diese neuen Techniken der Geldschöpfung, die das Papiergeldsystem ermöglicht und heute die Grundlage für ein hochspekulatives Bankensystem ist, in das islamische Recht eingriffen, diskutieren seit der Gründung der „islamischen Banken“ nur noch wenige Gelehrte. Das Phänomen virtueller Zahlungsmittel dürfte der ­Debatte nun aber neuen Schub geben. Denkbar wären auch neue Transfersysteme, die virtuell mit Einheiten operieren, die real durch Gold oder Silber gedeckt sind. Ein Sonderproblem besteht für Muslime zudem in der korrekten Zahlung der Zakat, die nach Meinung wichtiger Rechtsschulen nicht mit Zahlungsversprechen, sondern mit realen Werten zu tilgen ist.

Unabhängig davon, wie man das ­Phänomen der Kryptowährungen – aus welcher Sicht auch immer – letztendlich einstuft, die technologische Revolution des Internets wird niemand, der im Hier und Jetzt lebt, stoppen können. Wir ­­werden neue Formen der Organisation erleben, die auf Dauer das alte Bild von Gemeinschaft und Vereinsleben auf den Kopf stellen werden. Dass wir noch nicht dafür bereit sind, zeigt ein Blick auf ­unsere Internetpräsenz. Noch fehlen die muslimischen Angebote, sich auf eine Zeit im Wandel neu und anders, gerade in sozialer und ökonomischer Hinsicht, einzurichten.

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