Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

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Max Weber: Der Geist des Kapitalismus und die Moderne

Vor 100 Jahren veröffentlichte Max Weber, einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts (1864-1920), seinen ersten Text zur Rolle des Protestantismus bei der Herausbildung des modernen Kapitalismus. Damit legte er einen der einflussreichsten Texten des Selbstverständnisses moderner Gesellschaften vor. Es ging ihm um die Ermittlung der durch den protestantischen Glauben geschaffenen Antriebe, die der kapitalistischen Lebensführung die Richtung wiesen. Seine Schriften zu diesem Thema liegen jetzt erstmals in einer vollständigen Ausgabe vor: «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus»

(Verlag C.H. Beck, 432 S. 17,90 Euro, ISBN 3-406-51133-3)

Wie der Herausgeber Dirk Kaesler, Professor für Allgemeine Soziologie an der Universität Marburg, im Gespräch mit Medien sagte, wächst das Interesse an diesen Texten angesichts des globalen Siegeszugs der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung deutlich. «Aus der prophetischen Sicht des berühmtesten deutschen Soziologen wurde hundert Jahre später ernste Wirklichkeit, die zunehmend mehr Menschen der globalistischen Moderne beherrscht», sagte Kaesler. Webers erster Text erschien Ende des Jahres 1904 in der von ihm mitherausgegeben Zeitschrift «Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik».

Webers These ist: Einige der Ideen, die radikale Protestanten des 16. und 17. Jahrhunderts auf der Suche nach Zeichen Gottes für ihre Erlösung von der ewigen Verdammnis entwickelten, wirkten entscheidend mit an der Schaffung eines Kosmos von Glaubensinhalten und Verhaltensweisen, die ganz allmählich die Gehäuse der Hörigkeit und Unfreiheit von Menschen auf dem ganzen Globus errichteten, die man unter der Überschrift «moderner Kapitalismus» zusammenfassen kann.

Als den Gegner des modernen kapitalistischen Geistes markiert Weber den «Traditionalismus». Mit ihm will «der Mensch von Natur nicht Geld und mehr Geld verdienen, sondern einfach leben, so leben, wie er zu leben gewohnt ist, und so viel erwerben, wie dazu erforderlich ist».

Er zitiert den amerikanischen Politiker Benjamin Franklin (1706- 1790) als Idealtypus eines kapitalistisch denkenden Einzelnen mit einem Text über das Geld. Darin heißt es: «Bedenke, dass die Zeit Geld ist.» Weber wollte mit seiner Zitierung zwar nicht behaupten, wie er anmerkt, dass darin alles enthalten sei, was man unter dem Geist des Kapitalismus verstehen kann, doch werde niemand bezweifeln, dass dieser Geist aus ihm in charakteristischer Weise rede. Der von Weber erwähnte österreichische Schriftsteller Ferdinand Kürnberger (1821-1879) bemerkte zu Franklins Text: «Aus Rindern macht man Talg, aus Menschen Geld.»

Aus Kaeslers Sicht kann es sich durchaus auch aus persönlichen Gründen lohnen, Webers Texte zu lesen. «Vielleicht haben auch Sie sich schon manchmal gefragt, warum Sie Ihrem Beruf, Ihrer Arbeit, Ihrer Tätigkeit eine so große Bedeutung zumessen. Wieso Sie so viel Ihrer Freizeit, Ihres Soziallebens, Ihrer nicht beruflich bestimmten Neigungen opfern nur Ihrer Arbeit wegen.» Kaesler glaubt, dass mancher auf solche Fragen nach der Lektüre Webers bessere Antworten hat.

Weber ist auch missverstanden worden. Als das «bis heute entscheidende Missverständnis» bezeichnet der Marburger Soziologe, er habe seine These als Gegenargument, als Anti-These zu der von Marx entwickelt. «Mit dem Niedergang der globalen Bedeutung der Ideen von Karl Marx gewinnen die Darlegungen Max Webers zunehmend mehr an Bedeutung.» Zugleich werde auch immer deutlicher, dass sie sehr viel eher als eine Ergänzung der «Großen Erzählung» Karl Marx’ vom Aufstieg und zwangsläufigen Ende des Kapitalismus und der mit diesem verflochtenen «bürgerlichen Gesellschaft» gemeint gewesen sei.

In der Neuerscheinung der «beck’schen reihe» werden sowohl die zentralen Texte Webers in ihrer letzten Fassung aus dem Jahr 1920 in lesefreundlichem Neusatz vorgelegt als auch seine «Antikritiken» aus den Jahren 1907 bis 1910. Die Ausgabe hat ein ausführliches Vorwort. Ein Verzeichnis ausgewählter Sekundärliteratur ermöglicht eine vertiefte Beschäftigung mit den Texten.

Dirk Kaesler ist schon mit anderen Publikationen zu Weber hervorgetreten, darunter eine «Einführung in Leben, Werk und Wirkung» (1995), die ins Japanische, Englische, Französische, Chinesische, Italienische und Polnische übersetzt worden ist. Zurzeit arbeitet er an einer Biografie.