Ökonomische Debatten und der Islam – eine Zusammenfassung

Ökonomische Debatten und der Islam – eine Zusammenfassung

Ökonomische Debatten und der Islam – eine Zusammenfassung

Letztes Wochenende waren wir in Darmstadt zum Thema „Der Islam und die ökonomischen Debatten“. Dabei ging es nicht darum ein vollständiges ökonomisches „System“ oder endgültige Lösungen zur Lösung der Finanzkrisen dieser Zeit vorzustellen, sondern darum andere Denkwege, Sichtweisen vorzustellen, die eben nicht „nur“ um das dominante Thema und Problem des „politischen Islam“ kreisen.

Hier eine Zusammenfassung einiger Gedankengänge:

1. Fakt ist – man denke nur an die letzte Ausgabe des Focus, mit seiner Anspielung auf den dunklen, politischen Islam: Die Debatte über den Islam steht heute beinahe allein unter der Dominanz des „politischen Islam“. Das darf uns Muslime natürlich nicht überraschen, man denke nur an die Schreckensherrschaft des so genannten Islamische Staat. Wir erleben so, dass der heute Islam vielen Menschen als Teil des Problems, weniger als Teil einer Lösung erscheint. Aus dem Islam, der positiv einladen will, wird dann ein Islam, der negativ abschreckt.

Wir müssen uns also vergegenwärtigen, dass die Debatte über den Islam, aber auch wie wir Muslime selbst den Islam sehen, stark von politischer Argumentationslogik bedingt ist. Oft ist unsere eigene Sicht auf den Islam Teil einer – manchmal unbemerkten – politischen Verortung. Wir leben und wir positionieren uns so gesehen in einer fortlaufend politisch aufgeladenen Welt, die sich zum Beispiel in den üblichen, zumeist dialektischen Gegensätzen zeigt. Wir alle kennen Begriffspaare dieser Debatten: privat/öffentlich, organisiert/individuell, liberal/konservativ, Freund/Feind, Macht/Ohnmacht und Esoteriker/Fundamentalist.

2. Die Wirkung dieser politischen Systematik auf unser eigenes Selbstverständnis ist nicht zu übersehen. Auf der einen Seite erleben wir den Muslim, der sich als politischer Mensch, innerhalb der politischen Dialektik als „liberal“ oder „konservativ“ zu definieren hat. Auf der anderen Seite agieren die so genannten a-politischen Muslime, die sich scheinbar aus der Politik heraushalten, aber gerade so indirekt die politische Macht des Öffentlichen bestätigen. Oft genug müssen wir uns Muslime in der Debatte – so scheint es zumindest – ausdrücklich zwischen „politischen“ Konzepten, seien es liberale, konservativ oder gar extreme Entwürfe zu entscheiden.

Weitere politische Implikationen ergeben sich aus den aktuell dominanten Organisationsformen. So bilden wir Muslime heute zentrale Vereine, die uns repräsentieren und als „organisierter Wille“ auch einen politischen Vertretungs- und Machtanspruch verkörpern. Weiterhin bilden, schaffen oder bekämpfen Muslime „Staaten“; das heißt, sie werden integriert oder desintegrieren sich (als Freunde oder Feinde des Staates). Die Gemeinsamkeit der verschiedenen Facetten des politischen Islam ist dabei oft der „Wille zur Macht“ und die gesellschaftliche Machtsteigerung.

Wir ahnen, dass die politische Sicht längst begonnen hat auch sehr stark unser gesamtes Erkenntnisverfahren zu bestimmen. Salopp gesagt sehen wir Muslime heute häufig durch die „politische Brille“ – sei es die berühmte „Vereinsbrille“ oder die „Staatsbrille“. Hier herrscht oft genug dann auch eine eigentümliche, schmerzliche Subjektivität und diverse, debattenfeindliche, „Fan“-Einstellungen.

3. Wir müssen bei unserem Erkenntnisverfahren also immer auch prüfen inwieweit wir schon politisch vorbestimmt sind. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu geht in seinen Vorlesungen Über den Staat, unlängst in Deutsch veröffentlicht, auf diese Problematik ein. So beschreibt er die Grundproblematik des modernen, politischen Denkens: Je weiter ich in meiner Arbeit über den Staat vorankomme, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass die besondere Schwierigkeit, dieses Objekt zu denken, darin liegt, dass es – ich wäge meine Worte – beinahe undenkbar ist. Wenn es so einfach scheint, über diesen Gegenstand einfache Dinge zu sagen, so liegt es daran, dass wir von dem, was wir untersuchen wollen, in gewisser Weise schon durchdrungen sind.

Darüber hinaus weist auch Bourdieu auf die quasi-theologische Dimension des Staates hin: Achtung, alle Sätze die den Staat als Subjekt haben, sind theologische Sätze – was nicht heißt, dass sie falsch wären, insofern der Staat eine theologische Entität ist, das heißt eine Entität, die durch den Glauben existiert.

und – so heißt es in der Schlußvorlesung des Soziologen: Die Auflösung der Überzeugung, daß der Staat gerecht ist, dass er das Göttliche zum Ausdruck bringt, geht mit zwei scheinbar unverbundenen Erscheinungen einher: einerseits der Vermehrung der Korruption und andererseits der Verstärkung der persönlichen Frömmigkeit.

4. Nachdem ich zu zeigen versuchte, dass der politische Islam heute den Blick auf den ganzen Islam , aber auch en Blick auf uns Muslime, auf eine bestimmte Weise bestimmt, man könnte auch sagen verstellt, möchte ich kurz ein paar Worte zur Positionierung des politischen Islam bezüglich der ökonomischen Debatte anmerken.

Vorab ist anzumerken, dass der Begriff des politischen Islam einigermaßen unbestimmt ist. Auch die Schnittmenge der vielbesungenen „Islamisten und Salafisten“ wird heute – je nach Technik der Zählung – unterschiedlich groß gefasst. Ihre Markierungen und Zuordnungen sind dabei aus meiner Sicht, zumindest zum Teil, oft willkürlich, aber in der sozialen Wirkung immer fatal. Es finden sich eigentlich nur wenige überzeugende Begriffsdefinitionen. Ulrich Rudolph zum Beispiel argumentiert in der NZZ vom 3.11. – unter dem Eindruck der Ereignisse im Irak – über den politischen Islam, er sei eine Erwartungshaltung mit einem politischen Heilsversprechen: Es besagt, dass mit der Rückkehr zum reinen Islam schon hier und jetzt eine vollkommene islamische Ordnung entstehen könne, die alle Bereiche des Lebens regele und eine ideale, allen anderen überlegene Gemeinschaft formen werde.

Die Definition passt natürlich ganz gut zu den Versuchen der IS eine andere Welt mit den Mitteln der Gewalt und des Terrors herbei zu bomben. Im Hinblick auf unsere Diskussion über die Rolle des „politischen Islam“ schlage ich einen, einen anderen, möglichst wertfreien Definitionsversuch vor: Politischer Islam ist für mich ein gesellschaftliches Modell, das Erkenntnis, Agenda, Praxis und Recht politischen Zielen und (Macht-) Interessen absolut unterordnet.

Interessant ist, wenn wir insofern, dieser Definition folgend, die Interessen des politischen Islam bestimmten Institutionen und Einrichtungen zuordnen. Die Frage, die sich hier stellt: wie verändert der „politische“ Islam eigentlich die Phänomene des Islam und betrifft dies sogar das Recht selbst?

Die Positionierung der Islamischen Zeitung bezüglich des Verhältnisses von Politik und Recht im Islam zeigt sich zum Beispiel in unserer kategorischen Ablehnung von Selbstmordattentaten und den anschließenden Vorwurf unsererseits gegenüber politischen Ideologien, die das Recht – also das Verbot von Selbstmordattentaten – hinsichtlich einer politischen Strategie opfern. Oft genug wird so nicht nur eine Art „Ausnahmrecht“ etabliert, sondern auch der Unterschied zwischen Politik und Recht aufgegeben.

Aber auch in der ökonomische Debatten sollte man den Einfluss des politischen Islam auf das Recht nicht einfach unter den Tisch kehren. Die Fragen, die sich hier stellen, ich gebe hier in der Zusammenfassung nur eine kleine Auswahl, könnten wie folgt lauten:

– Soll die Zakat wirklich zentral und nicht dezentral erhoben werden? An wen wird sie verteilt? Mit welchen Mitteln?
– Warum gibt es im Feld des organisierten Islam zunehmend Rechtsformen wie die GmbH, aber kaum Stiftungen?
– Mit welcher politischer Motivation hat Muhammad Abduh, der Mufti von Ägypten 1903, beispielsweise die Zinsen auf Spareinlagen bei Banken erlaubt?
– Sind „islamische Staaten“ in vielen Bereichen nicht einfache Kopien des westlichen Modells? (Zentralbanksystem, Supermärkte, Kapitalismus)

Es ist also heute, so argumentiere ich hier zumindest, von großer Notwendigkeit, dass es eine freie Debatte der Gelehrten über diese Grundlagen des Islam gibt. Hierbei geht es mir natürlich nicht um ein „Bashing“ gegenüber jedem organisierten oder politisch motivierten Islam. Meine Intention ist vielmehr klarzustellen, dass der Islam weder in ein politisches, noch privates „System“ vollständig eingeordnet werden kann und ich weise generell darauf hin, dass wir die Sicht auf die kreativen Möglichkeiten der Muslime und auf unser Modell selbst begrenzen, wenn wir eben nur „politisch“ denken.

5. In aller Kürze geht es nun darum, an die Ursprünge des islamischen Wirtschaftsmodells zu erinnern. Ich erinnere mich, bevor ich vor 25 Jahren Muslim wurde, an eine von mir recht forsch vorgetragene Frage an meinen Lehrer. Ich fragte damals, ob es denn im Islam, das heißt, insbesondere in der Offenbarung, auch ökonomische Fragestellungen erwähnt seien. Denn, so mein damaliges Argument, nur dann sei der Islam heute, also in einer Zeit die von der Ökonomie beherrscht ist, auch wirklich noch relevant. Mein Lehrer lächelte damals und verwies auf eine ganze Welt von Aussagen zur Ökonomie, die mich tatsächlich bis heute beschäftigen.

Tatsächlich geht es im Islam auch, aber nicht nur, um das persönliche Verhältnis zu Allah, sondern genauso auch um Vertragsbeziehungen aller Art. Wir verfügen zum Beispiel auch über eine detaillierte Überlieferung diverser Vertragsmodelle, ein überzeugendes Marktrecht und komplizierte Handelsmodelle. Wenig überraschend spielt auch „Geld“ im Islam eine Rolle, man denke nur an Pflicht, die Zakat zu bezahlen, die übrigens mit echtem Geld „‘ain“ (cash) nicht in „“Dahin“ (Zahlungsversprechen) zu bezahlen ist.

Aus Zeitgründen kann ich hier nur auf einige fundamentale Prinzipien der „islamischen Ökonomie“ und des „islamischen Wirtschaftsrechts“ eingehen. In den Sira-Büchern (zum Beispiel Ali Ibn Ahmad al-Sarhudi in Die wahrhaftigen Nachrichten von der Bleibe al-Mustafas) liest man einen Bericht über einen diesbezüglich fundamentalen Vorgang.

Nachdem der Prophet – Friede sei mit ihm – die Moschee etabliert hatte, sah er die Notwendigkeit für einen Markt der Muslime. Der bestehende Markt in Madina erlaubte Riba und außerdem wurde auch Wein verkauft. Er ging zu einem Ort in der Nähe des Marktes von Bani Qainaga’und errichtete ein Zelt, als ein Zeichen für den Ort, um den die Muslime sich künftig versammeln sollten, um zu kaufen und zu verkaufen. Seine Gegner wurden wütend darüber und ihr Anführer – Ka’b ibn Ashraf – zerstörte das Zelt. Der Prophet antwortete indem er ausrief: Ich werde sicher einen Markt etablieren, der sie sogar noch wütender machen wird. Ich werde ihn an einen anderen Platz verlegen. Der Prophet ging auf eine offene Fläche, kaufte das Land von dem Eigentümer, sprang mit beiden Füßen darauf und rief: Das ist Euer Markt. Verweigert niemanden den Zugang darauf und erhebt dafür keinerlei Steuern.

Wir stellen also fest, dass auf dem Marktplatz und in der Moschee ein ähnliches Prinzip herrscht, denn niemand hat in beiden Einrichtungen das Recht eine monopolartige Präsenz zu etablieren, niemand kann dauerhaft einen bestimmten Platz für sich vereinnahmen. Lassen Sie mich einige andere Gesichtspunkte kurz erwähnen. Auch in diesen Fällen werden wir sofort weitere aktuelle Themen, natürlich auch für die inner-islamischen Debatten, erkennen .

In der Sura An-Nisa (4:29) findet sich zum Beispiel ein weiteres fundamentales Prinzip, das Gebot den Handel im gegenseitigen Einvernehmen zu betreiben: Oh, die ihr glaubt, zehrt nicht euren Besitz untereinander auf nichtige Weise auf, es sei denn, daß es sich um einen Handel in gegenseitigem Einvernehmen handelt. Und tötet euch nicht selbst (gegenseitig). Allah ist gewiss Barmherzig gegen Euch.

Dieses Prinzip, dass man heute wohl das Gebot des Fair Trade nennen würde, steht heute immer wieder zur Disposition. Man denke hier nur an die Geschäfte, die werthaltige Ressourcen gegen inflationäres Papiergeld aufwiegen.

Ein weiteres Postulat mit größter Bedeutung findet sich in der Sura Al-Baqara (2:275): Allah hat den Handel erlaubt und die Zinsnahme (Riba) verboten.

Hier finden ein klares Bekenntnis zu freiem Handel, allerdings unter Ausschluss von – aus islamischer Sicht – illegalen Wirtschaftsmethoden wie zum Beispiel das Verbot von Riba, dass unter vielem Anderem auch das Verbot der Zinsnahme umfasst. Es ist das kategorische Verbot der Zinsnahme und die dazugehörenden Ermahnungen im Koran, die von Freund und Feind kaum zitiert werden. Es sind aber Gesetzlichkeiten, die heute nach wie vor Aktualität beanspruchen können. Während bei der Zakatnahme es darum geht Reichtum der Reichen zu den Armen zu lenken, geht es bei dem Verbot der Zinsnahme um Gegenteil.

6. Wenn wir uns also vergegenwärtigen, dass der Islam durchaus über ein eigenständiges ökonomisches Modell verfügt liegt eine Frage nahe: warum spielt dieses Modell heute keine Rolle mehr?

Um diese Frage letztlich beantworten zu können müssen wir einen Blick auf die Genese der heute herrschenden Staaten und der damit verbundenen Etablierung der Banken werfen. Diese Innovationen hatten natürlich maßgeblichen Einfluss auf die Veränderung unseres ursprünglichen Modells. Einfach gesagt: Offensichtlich wurde unser ursprüngliches Modell durch diesen neueren Entwicklungen überholt. Wir begegnen hier bei uns Muslimen einer verbreiteten Geschichtslosigkeit. Zu selten machen wir uns bei der Reflektion auf die neuere islamische Geschichte das Zusammenspiel von Staat, Finanztechnik und politischer Macht überhaupt bewusst.

Interessant ist auch eine kurze Rückbesinnung auf die Entstehungszeit moderner Finanztechnik. Schon Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) beschäftigte sich mit den neuen „Zettelbanken“. Für seinen Fürsten Carl August schrieb er 1793 sogar ein Münzgutachten und hielt fest, dass aus seiner Sicht Geld einen innewohnenden Wert haben muss. Goethe lässt dieses Thema nicht los, ahnt er doch die ungeheure Machtpotentiale, die die Erfindung gedruckten Geldes ermöglicht. Der Zettel hier ist tausend Kronen wert. Ihm liegt gesichert als gewisses Pfand, Unzahl vergrabenen Guts im Kaiserland. Nun ist gesorgt damit der reichste Schatz, Sogleich gehoben, diese zum Ersatz, dichtete er. Im Jahr 20112 stellte der Chef der deutschen Bundesbank Weidmann fest: Im Faust zweiter Teil beschreibt der Dichter bereits das Kernproblem staatlicher Geldpolitik.

Wir wollen uns aber auch einer anderen „geschichtlichen“ Problematik nicht verstellen. Es geht um die Geschichte der Zinskritik. Schon in seiner Politea hatte Aristoteles den Zins als grundsätzliches Problem erkannt: „Das Geld ist für den Tausch entstanden, der Zins weist ihm aber die Bestimmung an sich selbst zu vermehren. Daher widerstreitet diese Erwerbsweise unter allen am meisten dem Naturrecht.“ Nach dieser phänomenalen Deutung hat die Zinsfrage allerdings im späteren Kontext der Religionen auch eine andere Dimension erhalten. Ein dunkles Kapitel ist dabei die mittelalterliche Abrechnung Luthers mit den „Wucherern“, der die Vorlage gibt für die antisemitisch geprägte Wirtschaftsideologie der Nationalsozialisten. Bis heute gibt es leider Verschwörungstheorien, die diese Absurditäten fortsetzen und auch nicht erkennen wollen, dass heute strukturelle Zins- und Bankgeschäfte von allen denkbaren Konfessionen betrieben werden. Hier zeigt sich auch das Unvermögen, Technik überhaupt zu verstehen. Die moderne Finanztechnik und ihre Anwendungen sind gerade nicht unter der Herrschaft irgendeiner Gruppe, noch kann globale Technik überhaupt noch beherrscht oder kontrolliert werden.

7. Fakt ist, dass wir heute die größte Finanzkrise der Menschheitsgeschichte erleben. Im Mittelpunkt steht das Vermögen der Banken beinahe ungebremst die Geldbasis zu erhöhen. Thorsten Polleit beschreibt auf Fonds Online vom 27.9 die Lage wie folgt: Die Zentralbanken wollen die Zahlungs- und Konjunkturprobleme, die sie durch die ungedeckte Papiergeldausgabe selbst verursacht haben, mit der Ausgabe von immer neuem Geld lösen. Das wird so weit getrieben, bis die vermeintliche Problemlösung – das Geldmengenvermehren – selbst zum zentralen Problem wird: der offen zu Tage tretenden Geldentwertung.

Der Zusammenhang von Schulden und – möglicherweise – (steigenden) Zinsen ist zur Schicksalsfrage unserer ökonomischen Lage geworden. Der Bund deutscher Steuerzahler schreibt hierzu: Die deutsche Staatsverschuldung wächst und wächst. Bund, Länder und Gemeinden sowie ihre Extrahaushalte waren am 30. September 2013 mit rund 2.024 Milliarden Euro verschuldet. Zur Veranschaulichung dieser Zahl dient folgendes Gedankenspiel: Ab sofort werden keine Schulden mehr aufgenommen und die öffentliche Hand gesetzlich verpflichtet, neben allen anderen Ausgaben jeden Monat eine Milliarde Euro an Schulden zu tilgen. Mit dieser Verpflichtung würde es bis ins Jahr 2184 dauern, um den Schuldenberg der Bundesrepublik Deutschland vollständig abzutragen.

8. Vergegenwärtigen wir uns als Muslime die aktuelle Krise stellt sich die Frage ob der Islam auch Teil einer Lösung sein könnte. Wollen wir also auch andere Debatten führen müssen wir zeigen könne, dass der Islam eigene Lösungsansätze hat. Hier gibt die aktuell Finanzkrise, als die Krise unserer Zeit, eine Vorlage. Es macht Sinn, dass wir uns Muslime auf unser Modell besinnen und auch prüfen, ob Instrumente wie zum Beispiel die „islamische Bank“ tatsächlich daraus abgeleitet werden können. Ohne ökonomische Alternativen anzubieten bleibt jede Politik gleichartig. Wir sind mit vielen klassischen, aber bisher als „altmodisch“ empfundenen Positionen als Muslime heute nicht mehr allein.

Interessant ist dabei, dass alternative ökonomische Schulen „partiell“ den Überzeugungen des islamischen Wirtschaftsrechts nahe kommen. Für uns Muslime lohnt also die Beschäftigung mit der „Österreichischen Schule“ und den so genannten Gesellianern. Während die Österreichische Schule freies Marktgeld (Gold, Silber) propagiert und das Zentralbankensysten ablehnt, ist für diese Schule die Zinsnahme kein Problem. Gesellianer dagegen propagieren Schwundgeld (Papier), allerdings ist für sie die Zinsnahme, die sie ablehnen, ein Problem. Für uns Muslime ist jedenfalls die Lektüre von Büchern wie Die Ethik der Geldproduktion von Prof. Hülsmann beispielsweise auch deswegen wichtig, weil hier gewichtige moralische Fragen gestellt werden (kann Geld „gut“ oder „schlecht“ sein?) , die in der Wichtigkeit über unsere alten Debatten, wie die „Kopftuchfrage“, weit hinausgeht.

9. Wenden wir uns zum Schluss der Frage zu, ob die genannten Debatten rund um das islamische Wirtschaftsrechts auch in konkrete Projekte münden könnten. Diese Projekte kann man im globalen Maßstab nicht einfach „machen“. Wir Muslime können aber immer lokale Impulsgeber sein. Natürlich kann man auch nicht freie Märkte, Stiftungen oder fairen Handel politisch von oben anordnen. Sie entstehen ja gerade von unten, aus dem freien Wirkungsfeld von Moscheen, Märkten und Stiftungen. Diese Einrichtungen dürfen daher gerade nicht politisiert werden! Die Phänomene der islamischen Wirtschaft werden pervertiert, wenn sie im Kontext und mit den Mitteln von Gewalt und Terror durchgesetzt werden sollen. So ist eine zwanghafte Einführung einer Währung eine Farce, da das islamische Wirtschaftsrecht nicht auf Zwang, sondern Freiheit setzt, also die Bevölkerung frei wählen sollte welchen Zahlungsmitteln überhaupt vertraut wird.

Im Ergebnis können wir Muslime viele neue Debatten anstoßen, wir können für den freien Markt eintreten und gegen die Herrschaft von Monopolen, die Werthaftigkeit von Währungen prüfen oder andere praxistaugliche Modelle und Instrumente gegen eine völlige Abhängigkeit von Banken anführen. Der Islam ist dabei nicht im groben Sinne „anti-kapitalistisch“, da er ja gerade Eigentum und Gewinnstreben erlaubt. Ökonomische Alternativen, von wem auch immer vorgetragen, sind wichtig; auch um die Neigung der modernen Geld- und Wirtschaftssystem, selbst totalitär zu sein, abzuwenden.

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