Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

Paranoia

„Wir haben eine permanente, schleichende, strukturelle Paranoisierung. Das heißt also, wir denken sozusagen immer im Kopf des verbrecherischen Anderen. Diese Logik, dass wir strukturell paranoischer werden, immer schon den Angriff antizipieren und im verbrecherischen Gehirn des Anderen denken, das führt zu einem Persönlichkeitsumbau bei uns selbst allen. (…) Das ist ein allgemeiner Befund. Jeder Computerfachmann wird ihnen heute sagen, nur Paranoiker können überleben. Warum? Nur Paranoiker überleben, weil sie sozusagen im Stande sind, die Angriffe des Anderen um einen Spielzug tiefer voraus zu berechnen. Die Frage ist nicht, bist du paranoid, sondern bist du paranoid genug? Und das ist eine Frage, die man natürlich auch an den Innenminister stellen muss. Ich höre aus dem was sie sagen, ich bin für mein Amt paranoid genug, weil ich antizipiere, was aus den Netzwerken, aus diesen Quellgebieten der Bosheit in unsere Gesellschaft einströmt; und bisher haben wir auch Erfolg gehabt.“ (Sloterdijk, Im Philosophisches Quartett)

„Das Ausspionieren der Untertanen gehört ebenso dazu wie das Kompromittieren der Gegner, und dazu ist jede Lüge gut. Die Spione sollen so viele Zweifel in die Ohren der Menschen säen, bis keiner dem anderen vertraut und einzig die Macht des Königs Sicherheit verspricht. Geheimdienste sind vor allem bemüht, egal in welchem System, ihre eigene Notwendigkeit zu bestätigen, und zu diesem Zweck erfinden sie mal chemische Waffen, wo keine sind, oder übersehen Anschläge, die von langer Hand vorbereitet werden. Das „Geheime“ an den Geheimdiensten ist, demokratisch gesehen, ihr größtes Manko, denn wie soll eine Behörde der Versuchung widerstehen, die öffentlichen Verlautbarungen den eigenen Interessen anzupassen, wenn man über die Möglichkeit verfügt, jede Nachfrage abzuschmettern, weil die besagte Information streng geheim sei. In den deutschen Botschaften werden die Mitarbeiter des BND ob ihrer obsessiven Geheimniskrämerei, die sich zuvorderst hinter stets verschlossenen Bürotüren äußert, oft belächelt. Wenn also der Innenminister gravitätisch das Ende der Welt verkündet und von uns als Gegenleistung für diese wertvolle Information die Abtretung unserer Bürgerrechte verlangt, dann gilt es lautstark zu lachen.“ (Ilija Trojanow, 4.10.2007 taz)

Die Auseinandersetzung um den sogenannten Islamismus, einschließlich des Aufeinanderhetzens politischer Außenseiter, ist im Grunde eine Nebelkerze. Kein Islamismus der Welt hat einen für die Demokratie gefährlichen Organisationsgrad und muss im Grunde gehegt werden, um den „Feind“ aufrechtzuerhalten. Das Ulmer Islamisten-Milieu (vom baden-württembergische Verfassungsschutz, wegen der heiklen Implikationen für den Außenhandel, vor 2001 immer mal wieder übersehen worden…) spricht Bände, das Gebetshaus umstellt von Kameras, der Chefprediger des Zentrums jahrelang ein V-Mann. Was bleibt, sind dubiose Kleingruppen potenzieller Terroristen, schlimm genug, aber eine für den modernen Staat seit Jahrzehnten gewohnte Gefahr.

Hinter den Rhetorikschwaden, die durch das Land ziehen, können wir den lautlosen Umbau des Staates zu einer neuen Form der Demokratie beobachten, beherrscht von der Faktizität eines globalen, autoritären Kapitalismus. Ein Kapitalismus, der entscheidet, wie viel Demokratie er nötig hat. In der Extremform, siehe das Treffen Putins mit zentralasiatischen Despoten, hat er diese gar nicht mehr nötig. Ein historischer Wandel der Konzeption von Krieg und Frieden deutet sich im Irak an. Der Krieg selbst wird Teil einer privatisierten ökonomischen Strategie mit Gewinnchancen, inclusive „Sicherheitsfirmen“ als neuartige Kombattanten. Bei einem Friedensschluss würden die Aktienkurse ganzer Branchen sinken.

Auch innenpolitisch wird das alte Ideal und die einfache Möglichkeit eines gesellschaftlichen Konsens in Frage gestellt. An der „hitzigen“ Konfrontation mit dem Islam beteiligen sich Sicherheitsfirmen, Kirchen, Parteien, Dienste und der private Verfassungsschutz. Teilweise leben die Beteiligten von diesem Konflikt oder sie versuchen, damit eine eigene Identität (wieder-)zufinden. Nach Ansicht der Hardliner verdienen Muslime nur „Toleranz“, wenn sie die Grenzen der Überlieferung de facto verlassen, die Offenbarung relativieren und sich in ihr vorgesehenes Randdasein fügen. Für die moderne Welt ist das Ziel der „großen Weißung“ die Vereinheitlichung, nicht etwa die Koexistenz.

Es ist absehbar, dass für den organisierten Islam die Stimmung ebenfalls rauer wird. Die Gegner dieser Form des Islam arbeiten an der kontinuierlichen politischen Aufspaltung der Muslime in „gute“ und „böse“, wobei der Gute von heute der Böse von morgen sein kann. Gleichzeitig garantiert die geplante Übernahme der islamische Lehre, dass die jahrhundertealten Verbindlichkeiten der islamischen Aqida verschwimmen. Die Organisationen selbst arbeiten an der Koordinierung nach außen, also gegenüber dem Staat, während die Koordinierung nach Innen, also gegenüber Allah, man denke an die Zakat oder den Beginn und das Ende des Ramadan, eher kläglich scheitert.