Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

Wahlaufrufe

In diesen Tagen mehren sich die Aufrufe muslimischer Organisationen, an den Europawahlen teilzunehmen. Man kann offen lassen, ob hinter diesen Kundgebungen – stellenweise auch von Institutionen, die jahrzehntelang eher autoritär geführt werden – das Engagement für die Demokratie steht oder ob es nur um die öffentlichkeitswirksame Andeutung der eigenen Macht geht. Macht wird – wie immer – in diesem Kontext der Massenmobilisierung als die Möglichkeit verstanden, den Willen der eigenen Mitglieder zu mobilisieren.

Nebenbei angemerkt: Man arbeitet mit solchen Wahlaufrufen natürlich an der eigenen politischen Korrektheit.

Wie auch immer, ich denke, Muslime wissen auch ohne diese Aufrufe, dass Wahlen anstehen und machen sich hier ihre eigenen Gedanken. Natürlich ist es dabei grober Unsinn zu behaupten, als Muslim müsse man zur Wahl gehen. Man kann es natürlich, auf der anderen Seite. Muslime, die nicht politisch sind, gab es über Jahrhunderte im Islam, auch wenn es dem politischen Islam schwerfällt, sich das noch vorzustellen.

Ich bin noch unentschieden.

Wichtig fände ich gerade als Muslim, klare Kante gegen die Machenschaften der Europäischen Zentralbank (EZB), der Banken überhaupt, sowie gegen den inflationären Euro zu zeigen. Über die Ethik der Geldproduktion, eine auch für den Gläubigen zentrale Frage, schweigen sich die hochgeschätzten Verbände und die meisten Parteien leider aus. Nur: Hat man Zweifel am Geldsystem, bleibt ja eigentlich nur die Wahl der Alternative für Deutschland (AfD). Viel mehr echte Alternativen hat die Wahl – zumindest bei der ökonomischen Frage – nicht zu bieten.

Ja, ja, zweifellos gibt es in dieser Partei auch nationalistische, also rassistische, Tendenzen. Da hört der Spaß auf (es sei denn, man ist die über alle Zweifel erhobene taz. Dort zweifelt man langatmig an der Redlichkeit der AfD, verkauft aber gleichzeitig Anzeigenplatz an die blauen Jungs. Nach der „Logik“ der Antifa ist die taz damit rechtslastig. Nach einer Umfrage der KAS haben übrigens immerhin 30 Prozent der Grünen Sympathien mit der Partei).

Ist die AfD-Führung rechts? Dafür spricht, wenn man den SPIEGEL liest, unter anderem die Tischdecke des Volkswirtschaftslehrers daheim sowie einige unglückliche Formulierungen. In Sachen Islam ist die Partei kaum weniger islamkritisch als andere Parteien. Bisher.

Inhaltliche Fragen gibt es auch noch: Hat Professor Lucke zum Beispiel Recht und es ist gerade der EURO, das zentrale Projekt der EU, der das ökonomische Gefälle in Europa verstärkt und so indirekt den Nationalismus in Europas schürt?

Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht.

Eher unangenehm finde ich den Populismus des Zentralrates der Muslime (ZDM), der im „Namen der Muslime“ die ziemlich simple Verbindung verbreitet, wonach nur wer zur Wahl geht, den Nationalismus und Rassismus Europas verhindert. Abrakadabra, wenn wir alle wählen, sind die rechten Tendenzen in Europa weg. Geht es einfacher?

Apropos „Nationalismus“: Ziemlich verlogen finde ich auch türkische Organisationen, die zu hundert Prozent auf eine Ethnie setzen, aber lautstark vor Nationalismus und Rassismus in Europa warnen. Aha, lebt man als muslimischer Verbund eine solche offene geistige Haltung nicht vor? Und, wo bleibt die berechtigte Kritik türkischer Verbände an einem christlich-säkularen Europa, dass die Türkei und Bosnien nicht wirklich in die EU aufnehmen will?

Na ja, bis zur Wahl kann man ja noch ein wenig nachdenken.