Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

Abu Bakr Rieger

Islam, Finanztechnik, Recht & Philosophie

Randlagen

Während die Debatte um die Finanzkrise in Deutschland noch eher akademisch vermittelt wird, ändern sich in den Randlagen Europas die Lebensumstände.

In Ungarn habe ich bei meinem Besuch der Ungarisch-Muslimischen Gemeinschaft hinzugelernt. 40% der ungarischen Bevölkerung ist im Grunde verarmt, ein durchschnittlicher Monatslohn – wenn man Arbeit hat – bewegt sich um die 400 Euro. Die Muslime in Budapest sind auch deswegen in der Armutsbekämpfung engagiert. Sie backen Brot, verteilen gebrauchte Kleidung. Einige Gemeindemitglieder können so Stadtviertel besuchen, die auch von der ungarischen Polizei lieber gemieden werden.

Einer der schönsten Blicke Budapests auf die Donau hat man von dem Grabmausoleum, das einem Bektaschi-Mystiker namens „Gül Baba“ gewidmet ist. Von diesem Bektaschi-“Heiligen“ kennt man zwar nicht die genaue Identität, wohl aber, dass er Rosen sehr liebte (daher auch der Name Gül Baba, türk.: „Rosen-Vater“).

Nach dem Fall des Kommunismus wurde das Land in der anschließenden „Goldgräberstimmung“ ausverkauft und ganze Wirtschaftsbereiche von ausländischen Ketten übernommen. Der Markt wird so durch die „monopolisierte Distribution“ einiger Großketten wie „Lidl“ oder „Schlecker“ beherrscht. Die Abhängigkeit von ausländischem Kapital lässt Ungarn besonders stark unter der Finanzkrise leiden.

Zum Glück sind die Ungaren – trotz der schwierigen Verhältnisse – freundlich und mit viel Gelassenheit ausgestattet. Auch die konservativen und nationalen Parteien sind zwar euroskeptisch, aber nicht prinzipiell gegen den Islam oder die Muslime eingestellt. Die Präsenz der 25000 Muslime im Land ist so willkommen und mit keiner Immigrantenproblematik verknüpft. Auch die 150 Jahre der osmanischen Herrschaft in Ungarn begründet keinerlei Ressentiment. Seit der Habsburger Zeit ist der Islam auch wie in Österreich eine anerkannte Religion im Lande.